Meinung : Sanfte Hammerschläge

Der Nahe Osten ist nicht Osteuropa: Durch zu viel Hilfe wird Bush die Wende erschweren

Malte Lehming

Die Versuchung war groß. Am Dienstag stand George W. Bush in der National Defense University in Washington. Seine Rede wurde live von allen TV-Nachrichtensendern übertragen. Jetzt könne er es seinen Widersachern heimzahlen, orakelte ein Kommentator. Der US-Präsident war verachtet und verspottet worden, galt als böswillig-gerissen und einfältig-naiv zugleich. Doch nun schien das Blatt sich zu wenden. In Afghanistan, Palästina und dem Irak finden freie Wahlen statt. Die Herrscher in Ägypten und Saudi-Arabien versprechen Reformen. Libanesen demonstrieren für die Unabhängigkeit. Der Funke der Freiheit greift auf den Nahen Osten über.

Hat Bush doch Recht gehabt? Die Frage wird immer öfter gestellt – auch in Europa und der arabischen Welt. In den USA wiederum erleben die Neokonservativen einen zweiten Frühling. Ausgerechnet deren Begründung des Irakkriegs dient nun, nachdem weder Massenvernichtungswaffen gefunden noch Verbindungen zwischen Saddam und Osama bewiesen wurden, als dessen letzte Rechtfertigung. Wer kann schon gegen die Ausbreitung von Demokratie und Freiheit sein? Und wer will behaupten, dass die jüngsten Entwicklungen in der Region mit dem Irakkrieg rein gar nichts zu tun haben?

Doch wer glaubt, dass er Recht bekam, sollte aufs Rechthaben manchmal verzichten. Das gilt besonders für Bush. Der Versuchung zum Triumphalismus widersteht er besser. Noch während er am Dienstag redete, gingen in Beirut hunderttausende prosyrische Libanesen auf die Straße. Plakate wurden getragen mit der Aufschrift „Nein zur amerikanisch-zionistischen Intervention“.

Der Nahe Osten ist eben nicht Osteuropa, obwohl Analogien zum Fall des Kommunismus derzeit gerne gezogen werden. In der arabischen Welt gibt es keine demokratische Tradition, der Antiamerikanismus grassiert. Sollte sich Bush als der große Befreier der arabischen Massen aufspielen, würde er damit genau jene Befreiung verhindern.

Das macht die Lage delikat. Einerseits muss der US-Präsident nachlegen, ermuntern, Druck machen. Die Despoten in Damaskus, Teheran, Kairo und Riad sollen keine Ruhe mehr haben. Das Feuer der Veränderung muss weiter hübsch kräftig lodern. Andererseits darf er den Reformkräften nicht die Würde rauben. Es ist in erster Linie ihr Kampf, ihr Risiko, ihr Freiheitswille. Der US-Präsident sollte wissen: Ein arabischer Dissident, der sich offen zu Amerika bekennt, wird von seinesgleichen verachtet, nicht bewundert. Ihn zu umarmen, kann seinen Tod bedeuten.

Von zwei Dingen ist Bush überzeugt. Erstens: Der Terrorismus hat seine Ursache nicht in Armut, islamischer Kultur oder Religion, sondern in den verrotteten politischen Strukturen des Nahen Ostens. Zweitens: Auch Araber wollen frei sein und ihre Führung demokratisch wählen. War der Irakkrieg hilfreich, um dieser Ideologie zum Durchbruch zu verhelfen? Darüber mögen Historiker streiten. Zweifellos gibt es auch andere wichtige Einschnitte, die die Winde der Wende entfachten – die Ausbreitung des arabischen Satellitensenders Al Dschasira etwa oder die Ermordung des libanesischen Ex-Premierministers Rafik Hariri. Außerdem: Noch ist nichts entschieden. Tyrannen sind zäh. Freiwillig geben sie nie auf.

Es darf gehofft werden, nicht triumphiert. Will Bush die Realisierung seiner eigenen Vision befördern, muss er lernen, auf bescheidene Weise nachdrücklich zu sein. Diese Rolle ist neu für ihn. Sanfte Hammerschläge gehörten bislang nicht zu seinem Repertoire. Die Rede am Dienstag war sein Gesellenstück. Diese Prüfung hat er bestanden. Bis zum Meisterbrief muss er noch üben.

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