Sarrazin und die Folgen : 1000 Euro für jeden

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Thilo Sarrazin bekommt nun 1000 Euro mehr Pension. Das ist die bisher greifbarste Folge der ganzen Affäre. Es ist geradezu rührend, dass ein Mann, der dem Ansehen Deutschlands in der ganzen Welt geschadet und der die Rassenideologie der Nazis auf skandalöse Weise wiederbelebt haben soll, sich für 1000 Euro aus dem Kampf zurückzieht. Vielleicht hätte man Hitler 1933 einfach nur 1000 Euro anbieten müssen.

Sarrazin wird nicht der Chef einer neuen konservativen Partei, von der geredet wird, seitdem Helmut Kohl die CDU in die Mitte geführt hat – und von der jetzt jeder redet, der nicht wagt Angela Merkel direkt zu kritisieren. Erika Steinbach wird es auch nicht, die ja angeblich die deutsche Ostgrenze verschieben will, womit man in Deutschland auch heute an der Fünfprozenthürde scheitern würde. Und auch René Stadtkewitz, der Berliner CDU-Abtrünnige, wird mit seiner neuen Partei kaum Erfolg haben. Denn die Vorstellung, dass der Protest sich ausschließlich am rechten Rand formiert und deshalb daraus bald eine deutsche rechtspopulistische Haider/Wilders-Partei entstehen könnte, basiert auf der veralteten Deutungsfolie eines klar definierten Parteienspektrums. Sitzen etwa vor allem unzufriedene CDU-Wähler bei Stuttgart 21 auf den Barrikaden? Haben nur heimatlose CDUler Joachim Gauck zugejubelt? Waren es ausschließlich konservative CDU-Sympathisanten, die die Hamburger Schulpläne gekippt haben? Ist Sarrazin in der CDU?

Natürlich verliert die CDU ihr Profil. Aber wie soll man nennen, was der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel macht, der laut „Spiegel“ Sarrazin am Telefon erst einen Deal vorschlägt, wie der alte Genosse doch in der Partei bleiben kann, um ihn nur ein paar Minuten später dann doch über die Klinge springen zu lassen? Oder die FDP, die vermutlich mit dem Sarrazin-Buch noch nicht durch ist und deshalb so tut, als gehe das Thema eine liberale Partei nichts an.

Im Verlauf der Sarrazin-Debatte ist das gesamte politische Establishment ins Schwimmen geraten. Und das ist die weniger greifbare, aber dramatische Folge der Affäre: das Gefühl, dass das nichts mit Sarrazins Integrationsthema zu tun hat, sondern mit der Qualität einer politischen Führung, die nicht mehr weiß, was sie machen soll. Die auf der Suche nach Profil ist, aber nichts findet; die die Menschen immer weniger erfolgreich an sich zu binden vermag; die, wie der Bundespräsident, ihre Aufgabe gar nicht versteht. Einen ungeliebten Bundesbanker kann man mit 1000 Euro loswerden – das gesellschaftliche Unbehagen, das sich an Sarrazin lediglich kristallisiert, wohl kaum. Und zu denken, es handelte sich hier um ein allein konservatives Unbehagen, das sich leicht in einer neuen, irgendwie rechten Partei einbinden ließe, wäre naiv.

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