Sarrazin und Intelligenz : Anstand ist wichtiger als Verstand

Intelligenz hat uns historisch gesehen nicht weit gebracht. Vielleicht sollte man Thilo Sarrazins Buch erst ganz zu Ende lesen, bevor man ihn verbal steinigt. Ein Kommentar.

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Thilo Sarrazin.
Thilo Sarrazin.Foto: dpa

Vor ein paar Jahren fing hierzulande eine Debatte darüber an, was es für die zukünftige Gesellschaft bedeutet, wenn vor allem die akademisch erfolgreichen Frauen aus beruflichen Gründen immer weniger Kinder bekommen, aber gleichzeitig die Kinderzahl in den beruflich gering qualifizierten Schichten weniger stagniert. Da diese Debatte seinerzeit genderpolitisch korrekt konnotiert war, hat sich niemand aufgeregt. Greift jedoch Sarrazin dieselbe Debatte auf, verlängert allerdings um die Frage, wie es aussieht, wenn sich der größte Anteil einer fehlgesteuerten Immigration im unteren Stratum der Gesellschaft versammelt, dann soll er des Teufels sein.

Irgendetwas ist doch gründlich falsch gelaufen, wenn selbst die tendenziell grün-alternativ gestimmten Eltern in den Berliner Stadtteilen Neukölln und Kreuzberg alles Mögliche unternehmen, damit ihre Kinder nicht in Schulen mit einem extrem hohen Ausländeranteil kommen, wo sie als Minderheit gemobbt werden – und nicht einmal richtig Deutsch lernen: „Ich kann doch mein Kind nicht für die Integration opfern,“ so eines der bezeichnenden Zitate. Bei vielen dieser Eltern bestimmt das Sein offenbar noch nicht das Bewusstsein, aber schon einmal das Verhalten. Mein Vorschlag: Wer Sarrazin einen Rassisten schimpft, sollte erst einmal sagen, ob er sein Kind in solch’ eine Schule schicken würde.

Was mich an Sarrazins Argumentation stört, liegt auf einer anderen Ebene – und nicht einmal auf der einer statistischen Relation zwischen Intelligenz und Genetik oder sozialer Schichtung. Mich stört vielmehr die Überschätzung der Intelligenz überhaupt. Klar, anschwellende Dummheit für sich kann nicht produktiv sein. Aber wohin hat uns – geschichtlich betrachtet – die Intelligenz als solche gebracht? Welche Institution ist den Nazis am schnellsten um den Hals gefallen? Die deutsche Universität! Welche Intelligenzler haben das dümmste antisemitische Zeugs gepredigt, und zwar nach acht Semestern des Studiums auch der hebräischen Bibel, Altes Testament genannt, dabei den jüdischen Herrn Jesus im Munde? Ein beachtlicher Teil der gut deutschen Theologen! Mir ist der schlichte Volksschüler und Schreiner Georg Elser, der 1939 schon erkannte, dass man versuchen müsse, den Unheilsbringer Hitler umzubringen, abertausendmal wertvoller als der promovierte Volljurist Werner Best, der seinen Scharfsinn der Gestapo und der SS zu Verfügung stellte – und danach dem erfolgreichen Versuch, bis zu seinem Tod 1989 jedem Strafurteil zu entgehen.

Eine gute Gesellschaft muss um das Grundrecht der Menschenwürde gebaut werden, die jedem moralisch noch nachhaltiger angeboren ist als genetisch seine Intelligenz; und natürlich zugleich auf der Achtung der Menschenwürde sowie der freien Entfaltungsmöglichkeit aller andern. Das heißt dann freilich auch, dass die Männer unter den Migranten ihren Frauen und Kindern dieselbe Würde und Ehre zugestehen müssen, die sie für sich selber verlangen – und ihnen die gleichen Bildungs- und Entfaltungschancen einräumen, wie den Männern, und zwar den deutschen!

Dass der schlichte Anstand wichtiger ist als selbst der schärfte Verstand – diese Einsicht kann man bei einfachen Gemütern oft plastischer ausgeprägt finden als bei manchen – im wahrsten Sinne des Wortes – Intelligenzbestien. Und sie war bei der Arbeiterfrau, die 1933 seufzte „Hitler – der bringt Krieg über uns!“ allemal deutlicher präsent als bei den Stabsoffizieren, die damals schon diesen Krieg planten. Robert Leicht

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