Sarrazins neues Buch : Bascha Mika, Maxim Biller, Thilo Sarrazin

Selbst eingefleischte Antikommunisten standen auf Seiten von Sahra Wagenknecht – als diese nämlich im ZDF-Talk von Markus Lanz penetrant befragt wurde, aber nie antworten durfte. Auf einen ähnlichen Effekt darf Sarrazin hoffen

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Thilo Sarrazin mit seiner Ehefrau.
Thilo Sarrazin mit seiner Ehefrau.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die ehemalige Chefredakteurin der „tageszeitung“ und künftige Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“, Bascha Mika, hat ein Buch geschrieben über die „Feigheit der Frauen“. In dieser „Streitschrift wider den Selbstbetrug“ beklagt sie, dass Frauen unter ihren Möglichkeiten bleiben und ihre Potenziale vergeuden. Das liege auch daran, dass sie immer noch von Machos umzingelt seien, die bloß nicht mehr so aussähen und redeten wie früher. Sie habe überspitzt und polemisiert, sagt die Autorin, um das Problem deutlich zu machen.

Daraufhin kam es zu einer Debatte. Mikas Thesen wurden hin und her gewälzt, vom Kopf auf die Füße gestellt und wieder zurück. Aber keiner sah in dem Buch selbst einen Widerspruch in sich. Nach dem Motto: Beweist nicht eine erfolgreiche, mutige Frau wie Mika, dass ihre These von den erfolglosen, feigen Frauen falsch ist?

Der jüdische Schriftsteller Maxim Biller – ausgezeichnet unter anderem mit dem „Preis des Europäischen Feuilletons“, dem „Theodor-Wolff-Preis“ und der Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel – hat sich im Feuilleton der „Zeit“ darüber beschwert, dass die deutsche Gegenwartsliteratur selbstbezogen, kraftlos und provinziell sei. In Verlagen und Feuilleton-Redaktionen säßen Nazi-Enkel, die Nicht-Nazi-Enkel als Autoren ausgrenzen würden. „Der Druck, dem deutsche Schriftsteller mit nicht deutschen Wurzeln ausgesetzt sind, ist nichts für Schwächlinge.“ Die „Abwesenheit der jüdischen Ruhestörer“ tue der Literatur nicht gut.

Auch daraufhin kam es zu einer Debatte. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ reagierte ganzseitig der Schriftsteller Dietmar Dath. Die „Süddeutsche Zeitung“ sah in beiden Texten ein Symptom für die Irrelevanz der deutschen Gegenwartsliteratur insgesamt. Niemand allerdings sah in Billers Text selbst einen Widerspruch in sich. Nach dem Motto: Beweist nicht ein erfolgreicher, jüdischer Autor – also gewissermaßen das Gegenteil des Nazi-Enkels –, dass die These von der Allmacht von Nazi-Enkeln im Literatur- und Feuilletonbetrieb falsch ist?

An diesem Montag erscheint das neue Buch von Thilo Sarrazin. Es heißt „Der neue Tugendterror“ und befasst sich, laut Untertitel, mit den Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. Solche Grenzen gibt es. Bei uns wird weder über die Todesstrafe diskutiert noch über die Plausibilität der Evolutionstheorie noch über die Frage, ob Sklavenhaltung okay ist oder Folter manchmal nützlich. Ist es schlimm, dass wir der Meinungsfreiheit einige Grenzen setzen? Nicht unbedingt.

Problematisch wird die Sache, wenn auch bei anderen Themen Widerworte nicht mehr als Einwände gelten, sondern als Störung des gesellschaftlichen Bewusstseins wahrgenommen werden. Wie manierlich wiegen wir das Für und Wider ab, wenn es um Europa, die Klimaerwärmung, Ehe und Familie oder genetisch veränderten Mais geht? Außerdem geraten auch Journalisten gelegentlich in eine Art Herdentrieb. Nach Fukushima von den Vorteilen der Kernenergie zu schwärmen, wäre niemandem in den Sinn gekommen, wofür wir jetzt, da die Folgen der Energiewende immer deutlicher werden, einen gewissen Preis zahlen. Auf dem Höhepunkt des mutmaßlichen Skandals um den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der in dieser Woche wohl freigesprochen wird – als Bürger sich aus Wut vorm Schloss Bellevue versammelten, um nach altorientalischer Sitte ihre Schuhe in die Luft zu strecken –, ließen sich die guten Worte, die man über Wulff verlor, an einer Hand abzählen.

Über all das könnte gesittet geredet und gestritten werden. Doch anders als bei Mika und Biller wird im Fall Sarrazin der Autor gegen seine These gewendet. Nach dem Motto: Weil sein Buch eine Startauflage von 100 000 Exemplaren hat, Texte daraus von der „Bild“-Zeitung vorabgedruckt wurden und er selbst in Talkshows eingeladen wird, beweist Sarrazin, dass seine These vom Meinungsterror in Deutschland nicht stimmen kann. Damit indes machen es sich seine Kritiker leicht, dem Autor selbst aber am allerleichtesten. Denn beweist nicht dieser Einwand gegen Sarrazin, dass an seiner These doch mehr dran ist, als seinen Gegnern lieb ist?

Selbst eingefleischte Antikommunisten standen vor kurzem ein einziges Mal in ihrem Leben auf Seiten von Sahra Wagenknecht – als diese nämlich im ZDF-Talk von Markus Lanz penetrant befragt wurde, aber nie antworten durfte. Auf einen ähnlichen Effekt darf Sarrazin hoffen, wenn die Auseinandersetzung mit ihm weiterhin ressentimentgeladen bleibt.

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