Sarrazins Thesen : Die Stunde der Selbstgerechten

Von der Kanzlerin bis zu den Migrantenvereinen hat sich, erwartungsgemäß, eine öffentliche Empörungsfront aufgestellt. Doch Sarrazins Thesen beziehen ihre Durchschlagskraft aus den Körnchen Wahrheit, die sich in der Realität finden.

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Es ist kein Rätsel, warum Thilo Sarrazins Buch viel Zustimmung findet. Es redet laut über einen Stoff, der zu lange ein nur untergründiges Dasein führen durfte. Die Zuwanderung und ihre Schattenseiten sind heute – insofern tritt er offene Türen ein – keine öffentlichen Tabuthemen mehr. Die Konkurrenzverhältnisse und Spannungen, die sich in Kombination mit den neuen sozialen Ungleichheiten daraus ergeben, sind es umso mehr. Der Provokateur Sarrazin muss ernst genommen werden, weil er ein ideologisches Angebot zur Bewältigung der kulturellen und sozialen Überforderungen liefert, die uns, quer durch alle Schichten, tatsächlich plagen.

Nicht was er drastisch ausspricht, macht dieses Angebot wirksam, sondern die suggestive Verheißung, die hinter den steilen Thesen aufsteigt. „Deutschland schafft sich ab“ – schon der Buchtitel stellt infrage, dass die muslimische Zuwanderung eine Tatsache ist, die wir nach Maßgabe von Humanität und unserer Freiheitswerte gestalten müssen, aber nicht mehr leugnen können. Erst recht kreist Sarrazins Beweisführung zur sozial-genetischen Vererbbarkeit von Intelligenz und Status unausgesprochen unentwegt darum, dass wir sie eigentlich doch wieder loswerden müssten, die muslimischen Unterschichtenmigranten, bei denen Hopfen und Malz verloren sind.

In einer Gesellschaft, in der die Schlacht um die besten Plätze für die eigenen Kinder energisch geführt werden muss, ist das ein schönes Angebot zur kollektiven Verantwortungsverweigerung. Wenn sich muslimische Dummheit durch Vererbung zwangsläufig vermehrt, kann der anstrengende Kampf gegen die Bildungs- und Integrationsverweigerung muslimischer Eltern ebenso gut eingestellt werden. Der frühere Berliner Finanzsenator Sarrazin hat sich in dieser Hinsicht auch nicht hervorgetan.

Von der Kanzlerin bis zu den Migrantenvereinen hat sich, erwartungsgemäß, eine öffentliche Empörungsfront gegen Sarrazin aufgestellt. Sie ist Teil der Kulisse im Schauspiel um Sarrazins Buch. Die Partei der Bundeskanzlerin hat die Tatsache der Zuwanderung noch geleugnet, als die ersten Migrantenkinder Abitur gemacht haben oder ohne Deutschkenntnisse eingeschult wurden. Im Milieu von SPD oder Grünen wiederum durfte über die Probleme dieser Migration nicht geredet werden, als hinter Kreuzberger Gardinen schon die „fremden Bräute“ standen und nur zusehen durften, wie unten auf der Straße das Multikulti-Fest gefeiert wurde. Schon lange pflegen wegen dieser öffentlichen Verdrängungen die üblichen Stammtische ihre ausländerfeindlichen Ressentiments. Das Milieu der linksliberalgrünen politischen Korrektness, das die Verletzungen der Menschenrechte von muslimischen Kindern, Mädchen und Frauen lange nicht wahrhaben wollte, hat längst eine heimliche Konkurrenz. Mit Sarrazin könnte es sich offen etablieren: ein selbstgerechtes Milieu der besseren Kreise, das Migranten und Unterschichtenkinder wegen ererbter Dummheit abschreibt.

Denn Sarrazins Thesen beziehen ihre Durchschlagskraft aus den Körnchen Wahrheit, die sich in der Realität finden. Es ist wahr, dass in einer liberal-säkularen Gesellschaft Kopftuch und Moschee verstören, die Zwangsehe keinen Platz haben dürfte und allen Eltern die Schulpflicht selbstverständlich sein müsste. Die Zugehörigkeit zum oberen und zum unteren Fünftel der Gesellschaft vererbt sich seit zwanzig Jahren tatsächlich in einem Maß, dass, wer glauben will, auch glauben kann, dass die Besserverdienenden die schlaueren Kinder haben. So ist es, leider. Aber muss es auch so sein? Vor vierzig Jahren wäre das Wirtschaftswunderland konkurrenzunfähig geworden, wenn es nicht die Bildungsreserven der Kinder aus bildungsfernen Schichten mobilisiert hätte. Vor dreißig Jahren war die Sozialstruktur viel durchlässiger. Sarrazins Partei, die SPD, glaubt nicht nur daran, sie hat auch bewiesen, dass der Sohn einer Putzfrau Kanzler werden kann. Längst gibt es in Deutschland die Rechtsanwältin, die Publizistin, die Schriftstellerin, die als Töchter analphabetischer muslimischer Mütter aufgewachsen sind. Den Tellerwäschertraum kann keine Demokratie ungestraft aufgeben.

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