Satellitensysteme : Der Concorde-Moment

Das europäische Satellitensystem „Galileo“ sollte eine Chance bekommen. Technisch setzt es neue Maßstäbe, denn die Genauigkeit der bisherigen Positionsdaten dürfte sich deutlich erhöhen.

Hartmut Wewetzer

Irgendwann gibt es bei vielen technischen Mammutvorhaben diesen Concorde-Moment: Die Betreiber erkennen, dass die Fortsetzung eines Projekts fragwürdig ist. Sie müssen sich entscheiden, ob sie es weiterführen oder abbrechen sollen. Aber weil man schon viel Geld hineingesteckt hat, ringt man sich wider besseres Wissens dazu durch, weiterzumachen. Wie bei dem französisch-britischen Überschall-Verkehrsflugzeug Concorde, dessen Entwicklungskosten in die Milliarden Euro gingen.

Aufs Weitermachen hat sich die EU am Wochenende auch bei dem Satellitennavigationssystem „Galileo“ verständigt. Zu viel Prestige stand auf dem Spiel, und investiert hat man auch schon eine ganze Menge. Galileo, ein System aus 30 Satelliten, soll 2013 einsatzbereit sein. Die geschätzten Kosten betragen 3,4 Milliarden Euro. Aber dabei wird es nicht bleiben. Immerhin ist es der Bundesregierung gelungen, eine angemessene Beteiligung der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie zu sichern.

Galileo steht unter keinem guten Stern. Jahrelange Verzögerungen, Kostensteigerungen, der Ausstieg des Industriekonsortiums im Mai und egoistische Interessenpolitik einiger Mitgliedsländer haben dem technischen Renommierprojekt der EU Schaden zugefügt. Zudem: Wozu ein weiteres Satellitensystem, wo es doch bereits das amerikanische GPS gibt?

Trotzdem gibt es noch immer gute Gründe für ein europäisches System. Es ist politisch legitim, dass die EU mit einem Satellitensystem auf eigenen Füßen stehen will. Schließlich können die USA die zivile Nutzung ihres GPS-Systems jederzeit abschalten – zumindest theoretisch. In der Praxis ist das sehr unwahrscheinlich.

Technisch setzt Galileo neue Maßstäbe, denn die Genauigkeit der bisherigen Positionsdaten dürfte sich deutlich erhöhen. GPS und Galileo werden sich ergänzen, künftig wird man die Vorteile beider Systeme gemeinsam nutzen können.

Große Erwartungen haben viele Wissenschaftler an Galileo. Sie erhoffen sich bessere Daten, was die Erdbeobachtung, Klima- und Atmosphärenforschung, Wettervorhersagen und selbst die rechtzeitige Warnung vor Tsunamis angeht. Einen „Segen für die Forschung“ prophezeit das US-Wissenschaftsmagazin „Science“.

Und dann ist da noch das Militär. Bisher war die Gebrauch von Galileo für Zwecke der europäischen Verteidigungspolitik ausgeklammert. Aber seit die Wirtschaft sich aus der Finanzierung zurückgezogen hat und das Satellitensystem nun endgültig vom Steuerzahler finanziert wird, sollte auch eine militärische Nutzung in Erwägung gezogen werden.

Wenn das amerikanische Militär auf GPS vertraut, warum sollte nicht in Zukunft das europäische auf Galileo setzen? Wie im zivilen Bereich ist auch im militärischen eine Zusammenarbeit zwischen USA und EU denkbar.

Die Europäische Union hat bei Galileo ihren Concorde-Moment gehabt. Sie hat sich zum Weitermachen entschieden. Jetzt gilt es, das beste daraus zu machen und den Neuanfang zu wagen.

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