Satire, Karikaturen und Meinungsfreiheit : Meine Meinung, eine Meinung

Freiheiten sind zumeist historisch-kulturell geprägt und begrenzt. Hierzulande darf man den Holocaust nicht leugnen, woanders darf man den Propheten Mohammed nicht karikieren. Auch bei Sexismus und Witzen über Behinderte sind wir empfindlich. Ein Kommentar.

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Mit der Schere im Kopf schreibt es sich oft leichter.
Mit der Schere im Kopf schreibt es sich oft leichter.Foto: AFP

Es ist in den vergangenen Tagen viel über Meinungsfreiheit geschrieben und gesprochen worden, viele wichtige Gedanken und Bekenntnisse wurden öffentlich. Meinungs- und Pressefreiheit wurde ernst genommen. Es ging in hohen Tönen um Grundwerte und Unveräußerliches.
Das war besonders deshalb schön, weil es zuvor viel um „Lügenpresse“ und den Ekelfaktor Journalismus gegangen war.
Und dennoch: Drehte sich die Debatte nicht vor allem darum, dass Andersdenkende „unsere“ Meinungsfreiheiten ertragen sollen? Und weniger darum, dass „wir“ auch die der anderen?
Meinungsfreiheit ist eine Verpflichtung. Aber sie entfaltet erst dann Wirkung, wenn einem Meinungen nicht mehr passen. Wenn es wehtut. Eine Gesellschaft, die nur wenig wirkliche Überzeugungen hat, tut sich leichter mit Meinungsfreiheit. Aber fußt ihre Toleranz auf Einsicht in Freiheitswichtigkeit – oder auf Gleichgültigkeit? Witze über die Regierung, über Gott sind doch total wurscht.
Und wenn der Papst anlässlich der Pariser Anschläge mitteilt, dass jeder Mensch „nicht nur die Freiheit, sondern auch die Pflicht“ habe, im Namen des Gemeinwohls seine Meinung zu sagen, damit aber niemanden beleidigen oder in seinem Glauben herausfordern dürfe, nimmt man das ernst?
Andererseits werden durchaus Rücksichten genommen – und eingefordert. Eine Sache, die in der westlichen Welt, Deutschland vorneweg, nicht egal ist, ist der Umgang mit Juden. Das hat eine Geschichte und lässt sich begründen.
Der Fußballer Mario Balotelli vom FC Liverpool hat Anfang Dezember mit einem Tweet, in dem er über die Computerspielfigur Supermario schrieb, dass sie „springt wie ein Schwarzer und Münzen sammelt wie ein Jude“ einen Skandal ausgelöst. Der englische Fußballverband leitete eine Untersuchung ein. Die Zentralorganisation der Juden in Großbritannien „Jewish Leadership Council“ verlangte „diesen beleidigenden Post zu untersuchen und gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen zu ergreifen“. Davon, dass dem „Council“ empfohlen wurde, sich mal nicht so aufzuregen, wurde nichts bekannt.

Sagt man überhaupt noch „Behinderte“?

Auch im Umgang mit Behinderten ist die Belastungsbereitschaft gering. Das fängt schon bei Begrifflichkeiten an, sagt man überhaupt noch „Behinderte“? Es gibt regelmäßig Beschwerden, wenn der Bundesfinanzminister im Rollstuhl gezeigt wird, weil: Wozu zeigt man das?
Meinungsfreiheiten werden vor geschichtlichen und kulturellen Hintergründen formuliert. Sie sind nicht absolut. Vielleicht ist das richtig so. Vielleicht wäre alles andere zu viel verlangt. Es wäre zu radikal.
Es gibt in Frankreich mal wieder einen Fall Dieudonné. Als der notorisch auffällige französische Komiker die Anschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und die anschließenden Solidaritätskundgebungen mit der Bemerkung kommentierte, er sei Charlie Coulibaly, wurde er festgenommen. Amedy Coulibaly ist der Name des islamistischen Attentäters, der im jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ vier Menschen erschossen hatte.
„Wir befinden uns in einem Land mit Meinungsfreiheit? Heute Morgen hat die Regierung das demonstriert“, ätzte Dieudonnés Anwalt nach dessen Verhaftung. Und hat er damit nicht recht? Wenn nach der Demonstration für Meinungsfreiheit jemand wegen seiner Meinung eingesperrt wird, dann stimmt doch etwas nicht.
Das lässt sich nicht einfach aus der Welt schaffen. Ist auch nicht nötig. Man kann mit Einschränkungen leben. Hierzulande darf man den Holocaust nicht leugnen, woanders darf man den Propheten Mohammed nicht karikieren. Man kann beides falsch finden oder beides richtig. Aber nur das eine richtig und das andere falsch?
Man sagt zu den Muslimen in Deutschland: Ihr gehört dazu. Und setzt nach: Aber auf eure Empfindlichkeiten pfeifen wir. Auf Dauer wird sich das vielleicht nicht halten lassen und sich ändern. So, wie man irgendwann aufgehört hat, sexistische Meinungen – bei aller grundrechtlichen Zulassung – für akzeptabel zu halten.
Zur Klärung von Beziehungsstreitigkeiten ist ein probates Mittel der gedankliche Rollentausch – dass die Streitenden sich die kritische Situation umgekehrt vorstellen: Der im Urlaub arbeitende Vater versetzt sich in die Lage der enttäuschten Familie, der notorisch unordentliche Sohn sich in die seiner zeternden Mutter.
Meist führt das zu schnellen Erkenntnissen in die Begrenztheit der eigenen Wahrheiten – oft ist das der erste Schritt zu Annäherung und Aussöhnung.

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