Meinung : Schach dem König

Seine Annäherung an die UN hat George W. Bush nicht viel eingebracht

Malte Lehming

Schachspieler gelten als skurril. Oft sind sie es auch. Einer von ihnen, er ist inzwischen gestorben, hatte die Angewohnheit, die Züge seiner Gegner halblaut zu kommentieren. Erst sagte er „wunderbar“, dabei öffneten sich seine Augen und die Stimmlage ging anerkennend in die Höhe, als würde er tatsächlich Respekt vor der klugen Strategie seines Gegners haben. Dann folgte nach einer kurzen Pause der geseufzte, süffisante, von einem leichten Kopfschütteln begleitete Nachsatz „aber leider auch falsch“. In Schachkreisen wurde die Formel „Wunderbar – aber leider auch falsch“ zur Gefühlsdefinition des Wortes „Vergeblichkeit“.

Vor rund sechs Wochen wandte sich der amerikanische Präsident, nachdem er lange mit sich gerungen hatte, erneut an die UN. George W. Bush bat um Hilfe. Die Lage im Irak entwickelte sich schwieriger für ihn, als in den Planspielen des Krieges vorgesehen worden war. Die US-Truppen klagten über Dauereinsätze, den Steuerzahlern stockte der Atem, als sie von den Kosten des Wideraufbaus erfuhren. So hatte sich Joe Sixpack, der Durchschnittsamerikaner, die Sache nicht vorgestellt. Weil daheim allen Bundesstaaten das Geld fehlt, müssen Schulen und Krankenhäuser geschlossen werden. Im öffentlichen Dienst wird Personal abgebaut. Der marode Zustand, in dem sich das Stromnetz des Landes befindet, wurde unlängst im Großraum von New Yok drastisch illustriert. Nun sollen, mit US-Steuergeldern, zwar schicke Schulen und moderne Krankenhäuser gebaut, eine Verwaltung finanziert und drei Milliarden Dollar in die Installation eines funktionstüchtigen Stromnetzes investiert werden – aber nicht in Amerika, sondern im Irak. Populär ist das nicht.

Sich in dieser Not an die UN zu wenden, war für Bush wie der berühmte Biss in den sauren Apfel. Immerhin war er es, der die höchste völkerrechtliche Instanz im Vorfeld des Irakkriegs kräftig düpiert hatte. Aber was sollte er tun? Er war in Zugzwang. Geld geben und Truppen stellen, so hieß es, würden andere Länder nur nach einem neuen UN-Mandat. „Wunderbar“, schrieben die Kommentatoren auf der ganzen Welt, nun werde Washington wieder eingebunden. „Aber leider auch falsch“, heißt die ernüchternde Erkenntnis, zu der die Bush-Regierung nun kommt. Weder Truppen noch Geld sind in absehbarer Zeit zu erwarten. Jene drei Länder, von denen man sich das größte Kontingent versprochen hatte – Türkei, Pakistan und Indien –, haben deutlich signalisiert, selbst bei einem neuen UN-Mandat ihr Engagement lieber auf Sparflamme halten zu wollen. Und eine spürbare finanzielle Erleichterung, auch das zeichnet sich ab, wird die Geberkonferenz in einem Monat in Madrid nicht bringen. Im Weißen Haus rechnet man damit, dass die Verhandlungen über die nächste Irakresolution noch mehrere Wochen dauern werden. Das Pentagon erwägt bereits, ein neues Reservistenheer heranzuziehen.

Was bringt uns eine neue Resolution überhaupt? Diese Frage wird in Amerika immer lauter gestellt, zumal sich die Anzeichen mehren, dass die Vereinten Nationen dabei sind, all ihre Zelte im Irak aus Sicherheitsgründen zu räumen. Das Dilemma der US-Regierung wurde fast zeitgleich offenkundig: Während Bush sich in New York bei seinen Gesprächen Abfuhren einfing, wurde Verteidigungsminister Rumsfeld sechs Stunden lang von einem höchst besorgten Senat vernommen. Die Bilanz dieser Woche: keine Hilfe, nirgends. Oder, um es auf die Schachformel zu bringen: Bushs Hinwendung zu den UN war wunderbar, aber leider auch falsch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar