Meinung : Schering: Schade um 155 Jahre Unternehmenstradition

„Schering stirbt“ von Jahel Mielke

vom 9. November

Schering war über viele, viele Jahrzehnte der wirtschaftliche Motor in (West-)Berlin, gerade auch in Zeiten des Kalten Krieges, als kaum ein namhaftes Unternehmen sich in Berlin ansiedeln wollte oder viele andere ihre Produktion in den Westteil Deutschlands verlagerten. Die Berliner sind dafür mehr als dankbar. Umso schlimmer, dass dieser Traditionsreiche gute Name nun verschwinden wird. Hat Tradition denn heute gar keinen Wert mehr? Die Marke Schering hat seit langem und zu Recht einen guten Namen, Schering-Produkte haben weltweit einen guten Ruf. Oder ist der Name Schering in irgendeiner Weise belastet, so dass Bayer ihn vom Markt nehmen muss? Warum ergreift Bayer diese tiefgreifende Maßnahme? Verständnis habe ich dafür keines.

Jürgen Ehlers, Berlin-Hansaviertel

Die Begründung von Bayer, auf den Namen Schering zu verzichten, ist nicht nachvollziehbar. Dass es auch anders geht, zeigt die auch in Berlin ansässige Pharmafirma Sanofi Aventis, die 2004 aus den Firmen Aventis und Sanofi Synthelabo hervorging. Den Verlust des Namens Schering haben letzen Endes die Schering-Vorstände der letzten 20 Jahre zu verantworten, die nicht in der Lage waren oder nicht wollten, die ursprünglich vier Sparten (Pharma, Pflanzenschutz, Galvanotechnik, Industriechemikalien) erfolgreich weiterzuführen. Man fokussierte sich nur noch auf die Pharmasparte und bereitete so langfristig eine Übernahme vor. Bayer ist ein Beispiel dafür, dass ein Unternehmen auch mehrere Geschäftsfelder erfolgreich bearbeiten kann. Schade um 155 Jahre Berliner Unternehmenstradition.

Dr. Adalbert Engfer, Berlin-Lichtenrade

Warum tut Bayer so etwas? Hat sich irgendjemand bei Bayer eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, auf was man da ohne Not verzichtet? Einen guten Namen wie Schering ihn hat, eine solch gute Marke kann man nicht einfach mal so am Markt einführen. Sich einen so guten Ruf wie Schering zu schaffen dauert Jahrzehnte. Und diese Marke, diesen guten Namen werfen die Leverkusener nun einfach auf den Müllhaufen, sie brauchen ihn nicht mehr. Unglaublich! Das ist ein schwerer Schlag für alle Berliner.

Helmut Dittmer, Berlin-Spandau

Bayer tilgt den Namen Schering. Das ist derzeit bestimmende Mode: Koste es was es wolle, Stärkung der Dachmarke. Was unter dem Dach passiert, ist nachrangig und hat sich zu fügen. Das ist koloniale Unternehmensführung: Kaum im Unternehmen muss man als neuer Chef erst mal was anders machen, damit auch alle merken, hoppla, jetzt komme ich. Der nächste Vorstandschef wird es wieder umkehren, leider nicht aus Einsicht, sondern um es erneut anders zu machen als der Vorgänger. Dann gilt wieder Dezentralisierung und Tradition und Kontinuität, dann heißt es wieder Schering Berlin (im Verbund der Marke …). Es ist das besser tragfähige Konzept. Wir werden es erleben.

Florian Fischer, Berlin-Schöneberg

Ehe der Name Schering untergeht, sei in großer Dankbarkeit daran erinnert, dass sich Schering in der Nazizeit gegenüber seinen jüdischen Mitarbeitern hervorragend verhalten hat. Meine Mutter war davon betroffen. Sie verdankt Schering ihr Überleben. Und Ähnliches gilt nach meiner Kenntnis auch für die während des Krieges bei Schering beschäftigten Zwangsarbeiter. Schering ist damit eine absolute Ausnahme in der deutschen Industriegeschichte der Nazizeit. Es ist dringend zu wünschen, dass dies jetzt, etwa vom Jüdischen Museum, öffentlich aufgearbeitet wird.

Hanns Kirchner, Kleinmachnow

Mit Verwunderung habe ich zur Kenntnis genommen, dass der Name Schering aus dem Firmennamen von Bayer verschwinden soll und durch das schwachsinnige „Health Care“ ersetzt werden wird. Hat Bayer es nötig, sich mit fremden (amerikanischen) Federn zu schmücken? Und was ist das für eine Haltung der Firma den Mitarbeitern von Schering und dem Standort Berlin gegenüber? Will Bayer etwa Ansehen damit gewinnen?

Renate Röhr, Laubach

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben