Scherz und Wahrheit : April, April

Wenn die Realität Kapriolen schlägt, wird das Unwahrscheinliche für möglich gehalten. In diesem Jahr war es besonders leicht, Aprilscherze anzubringen.

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In den besten Witzen stecken oft etwas Wahnsinn und ein gewisses Maß an Wahrscheinlichkeit. Von dieser Regel leben die Aprilscherze. Das hätte doch durchaus wahr sein können, murmeln die Reingelegten dann verlegen zu ihrer Rechtfertigung. Absurditäten taugen daher nichts. Der Witz der Aprilscherze besteht darin, für real gehalten werden zu können. Sie entlarven Naivität.

In diesem Jahr war das besonders leicht. Karl-Theodor zu Guttenberg soll bei „Wetten, dass?“ Nachfolger von Thomas Gottschalk werden, seine Ehefrau Stephanie die Co-Moderatorin Michelle Hunziker ersetzen. Thilo Sarrazin wird Spitzenkandidat der FDP in Berlin. Die EU-Kommission will Energie, die in Fitness-Studios erzeugt wird, für die Stromversorgung nutzen. Im Nachhinein weiß jeder, dass das alles Quatsch war. Aber selbst Oberschlaue ertappten sich bei Sekunden des Glaubens und Zweifelns.

„Die Zeit ist aus den Fugen“, heißt es in Shakespeares „Hamlet“. Man kann es auch anders sagen: Wenn die Realität Kapriolen schlägt, geht rasch der Realitätssinn verloren. Ein Bundespräsident tritt zurück, einfach so. Der Generalsekretär der FDP, Christian Lindner, will schneller aus der Atomkraft aussteigen, als es von Rot-Grün geplant worden war. Eine konservative Ministerin fordert eine gesetzliche Frauenquote für Dax-Unternehmen. Außenminister Guido Westerwelle fährt nach Peking und kritisiert dort, Seite an Seite mit seinem chinesischen Kollegen, einen Krieg der Nato zum Sturz eines Diktators. Währenddessen leisten Berlins Grüne Widerstand gegen die Touristen in der Stadt, bei den Sozialdemokraten wird ausgerechnet der letzte Agenda-2010-Advokat, Peer Steinbrück, als nächster Kanzlerkandidat gehandelt, und der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, sagte vor nicht allzu langer Zeit in einem Interview: „Ohne die Religionen, ohne den Glauben, ohne die Kirchen gäbe es keine Grundlage für allgemein verbindliche Moralnormen gegenwärtig in unserer Gesellschaft.“

Was ist wahr, was falsch, was möglich, was unmöglich? Bereits das Lesen der Tageszeitung kann heute ein anhaltendes 1.-April-Gefühl verursachen. Denn in jener rasanten Geschwindigkeit, in der Politiker sich degradieren zu bloßen Seismographen der aktuellen Stimmungslage, gehen Verlässlichkeiten verloren. Und wer auf Eruptionen eruptiv reagiert, verstärkt sie bloß. Radikale Positionsschwenks schließlich zeugen nicht von der Radikalität des Ereignisses, das sie verursacht hat, sondern von der Verunsicherung der Wendehälse.

Die internationale Finanzwelt kollabiert, katholische Geistliche und Freipädagogen haben jahrzehntelang Kinder missbraucht, einem japanischen Atomkraftwerk droht der Super-Gau, arabische Despoten werden aus dem Amt gejagt. Die Realität ist unwahrscheinlich genug. Wer ihr Hopplahopp-Aktivitäten entgegensetzt, trägt unabsichtlich zur galoppierenden Desorientierung bei. Konstanz, die sich nicht an Dogmen bindet, ist ein Wert. Die beste Zeit für Aprilscherze ist keine gute Zeit.

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