Meinung : Schicksalsnoten

Frederik Hanssen

Warum, um alles in der Welt, sollte man die Biografie eines Berliner Komponisten lesen, von dem in Deutschland nie eine Note aufgeführt wurde und der außerdem noch den Namen Geist trägt? Weil Reinhard Kaiser dem Unbekannten ein zutiefst anrührendes Buch gewidmet hat, in dem kaum von Musik die Rede ist, dafür aber umso mehr von Liebe. Auch wenn sich Edwin Geist, der 1902 geborene, apolitische, alltagsfremde Bürgersohn, selber für den Richard Wagner des 20. Jahrhunderts hielt und mit seinen „Musikschauspielen“ die Opernwelt revolutionieren wollte, wurde er dann doch zum todesmutigen Mann der Tat: 1942 rettete er seine jüdische Frau Lyda aus dem Ghetto im litauischen Kaunas.

Die Quellenlage dieser Liebes- und Leidensgeschichte ist denkbar schlecht – doch Reinhard Kaiser gelingt es, die wenigen Erinnerungs-Splitter und Dokumenten-Fetzen lebendig zusammenzufügen. Ein Mosaik mit vielen Leerstellen, doch dank der unprätentiösen Erzählweise Kaisers entfaltet die Suche nach der historischen Wahrheit einen enormen Sog. Der Leser fiebert mit bei Geists Ringen um die Freilassung seiner Lyda. Gleichzeitig aber weist der verzweifelte Kampf, den die Eheleute am Ende doch verlieren, weit über das Einzelschicksal hinaus. Wenn Kaisers „Suche nach Edwin Geist“ just in jenem Moment abbricht, wo dessen Musikschauspiel „Die Rückkehr des Dionysos“ 2002 mit 64 Jahren Verspätung in Vilnius uraufgeführt wird, ist das letztlich nur konsequent. Als Komponist, so scheint es, war Geist kein Großer. Was von seinem Leben nachklingt, sind sein Schicksal und seine Liebe.

Reinhard Kaiser: Unerhörte Rettung. Die Suche nach Edwin Geist. Biografie. Schöffling & Co., Frankfurt am Main. 353 S., 24,90 €.

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