Meinung : Schließlich ist es ihr Geld

Die deutschen Banken stecken mitten im Strukturwandel – droht jetzt der Ausverkauf?

Henrik Mortsiefer

Am Bankenplatz Deutschland herrscht plötzlich wieder helle Aufregung: Die größte italienische Bank (Unicredito) spricht mit der zweitgrößten deutschen Bank (Hypo-Vereinsbank) über eine Fusion. Und der heimische Marktführer, die Deutsche Bank, hat angeblich Interesse an der Commerzbank, der Nummer vier in Deutschland. Jeder spricht mit jedem.

Ob die Gespräche zu einem Ergebnis kommen, etwa zur größten grenzüberschreitenden Bankenfusion in Europa, ist völlig offen. Ob die Hypo-Vereinsbank (HVB) ihre Unabhängigkeit verliert, ob es doch zum Bündnis deutscher Großbanken kommt – alles ungewiss. Jeder spricht mit jedem: So kommentierten schon im vergangenen Jahr Experten die Diskussion über Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Geldhäuser. Selbst die Bundesregierung mischte sich ein. Die Branche schien vor dem Ausverkauf zu stehen, weil niedrige Börsenwerte der Banken Begehrlichkeiten bei ausländischen Investoren weckten. Passiert ist damals nichts. Die Deutsche Bank wurde nicht – wie vom Bundeskanzler befürchtet – von US-Finanzriesen geschluckt. Und sie übernahm auch nicht – wie vom Kanzler empfohlen – die Postbank. Stattdessen ging die Postbank an die Börse. Und die HVB? Sie war vor allem mit sich selbst und ihren faulen Immobilienkrediten beschäftigt.

Dass früher oder später trotzdem etwas passieren würde am Finanzplatz, war allen Beteiligten bewusst. Am deutschen Markt, dem größten in Europa, kommen die Nachbarn nicht vorbei. Britische, spanische, italienische oder französische Banken haben den Strukturwandel hinter sich. Auf den Binnenmärkten stößt ihr Wachstum an Grenzen, deshalb suchen sie Expansionschancen im Ausland. Der deutsche Bankenmarkt steht hingegen noch am Anfang, trotz Massenentlassungen und Wertberichtigungen in Milliardenhöhe. Der öffentliche Sektor, also Sparkassen und Genossenschaftsbanken, dominiert die Szene. Geschäftsbanken kommen gemeinsam nur auf einen Marktanteil von maximal 25 Prozent. Und ihre Renditen sind mager.

Warum also sollten sich Ausländer auf dem überbesetzten, renditeschwachen und regulierten deutschen Markt verkämpfen? Im Fall von Unicredito und HVB könnte ein Exempel statuiert werden, dass die Stoßrichtung der Investoren verdeutlicht. Die HVB ist nicht attraktiv, weil sie eine Großbank mit vielen Privat- und Geschäftskunden und Filialen ist. Sie ist für die Italiener interessant, weil sie mit der Bank Austria in Osteuropa stark vertreten ist – ein Wachstumsmarkt wie aus dem Lehrbuch der Bankbetriebslehre.

Es könnte also so kommen: Unicredito kauft die Bank, stößt aber das deutsche Geschäft wieder ab – an wen auch immer. Die HVB verlöre nicht nur ihre Selbstständigkeit, sie würde auch zerlegt. Wen wundert es da, dass der Betriebsrat unruhig wird. Und die Bundesregierung hat sich den Strukturwandel sicher auch anders vorgestellt. Aber die ist vorerst mit anderen Dingen beschäftigt.

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