Schließung des Maison de France : Frankreich schrumpft in Berlin auf Realgröße

Frankreich kürzt bei seiner kulturellen Präsenz in Berlin – das kann auch ein Zeichen von Reife sein. Denn französisches Leben findet unabhängig vom Maison de France am Kurfürstendamm heute überall in der Stadt statt.

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Frankreich spart – an seiner Außendarstellung. Sollte das französische Kulturinstitut jetzt wie angekündigt aus der Berliner Maison de France am Kurfürstendamm verschwinden, ist das für die regelmäßigen Kursteilnehmer, Kinogänger und anderen Liebhaber der französischen Kultur sehr bedauerlich. Dass Frankreich krisenbedingt seinen Auslandsauftritt auf Mindestgröße zusammenschrumpft, merkt übrigens auch, wer dieser Tage in der französischen Botschaft anruft. Die Auslandsvertretung hat die Besetzung ihres Empfangs gestrichen. Jetzt leitet ein Computersystem die Anrufe in die Abteilungen weiter.

Man kann nun einen Moment innehalten und darüber nachdenken, wie dringend ein Land wohl Geld braucht, wenn es seinen Botschafter dazu antreibt, so schnell wie möglich das Haus in der begehrten Lage im Berliner Westen zu Geld zu machen. Aber dieser Entschluss zeugt auch von einem Paradigmenwechsel innerhalb der französischen Außenpolitik.

Frankreich ist wegen seines Anspruchs, eine Großmacht zu sein, immer wieder belächelt worden. Schließlich entspricht dieses Selbstbild, vom strategisch wichtigen Atomwaffenbesitz einmal abgesehen, nicht mehr ganz der Realität. Ohne nennenswertes Wirtschaftswachstum, dafür mit einem schweren postkolonialen Erbe, Arbeitslosigkeit und einem wachsenden Reformstau beladen, tut sich Frankreich schwer, seinen Platz auf der internationalen Bühne und selbst in Europa zu finden.

Nichtsdestotrotz fordern immer noch regelmäßig Intellektuelle verschiedener Couleur, die französische Sprache etwa müsse ein Gegengewicht zum Vormarsch der englischen Sprache als internationale Lingua Franca bilden. Und überhaupt: Die französische Literatur, Kunst und Geschichte sind entsprechend der Staatsräson leuchtendes Vorbild für andere und zwingend in die Welt zu tragen.

Nun ist das wohl nicht mehr so wichtig. Frankreich hat entschieden, sich auf seine Realgröße in der Außendarstellung gesundzuschrumpfen. Und ohnehin erscheint es innenpolitisch besser, in der Krise nicht auch noch aufzutrumpfen. Schließlich wollte der sozialistische Staatspräsident François Hollande schon seit seinem Wahlkampf ein Präsident anderen Typs sein – und bescheidener auftreten als einige seiner größenwahnsinnigen Vorgänger. Einfach ein normaler Bürger, der das höchste Amt des Landes bekleidet.

Möglicherweise hält die Regierung Hollande das deutsch-französische Verhältnis auch für so erwachsen und nachhaltig, dass man im Zweifel auf einen exponierten Berliner Ort für das französische Kulturinstitut verzichten kann. Mehr noch, vielleicht ist es schlicht nicht mehr nötig, ein Institut Français in der Stadt zu betreiben. Laut derzeitigem Plan würde es ab 2015 einigermaßen versteckt im Botschaftsgebäude am Pariser Platz einen Neuanfang versuchen. Das ist ein riskantes Unterfangen.

Doch französisches Leben findet unabhängig von dieser Einrichtung heute überall in Berlin statt. Die Stadt ist mehr denn je eine beliebte Destination für Franzosen. Damit sind nicht nur Touristen gemeint. Die französische Auslandsgemeinde ist von 13 133 Mitgliedern im Jahr 2008 auf 15 253 Ende 2012 gewachsen. Französische Künstler und Schriftsteller kommen ganz selbstverständlich auf Tournee nach Berlin. Mittlerweile gibt es französische Buchhandlungen und feste Konzert- und Partyreihen für Liebhaber französischer Musik, die nicht am Ku’damm, sondern in Friedrichshain oder Mitte stattfinden. Die Fête de la Musique, das in Frankreich ersonnene Umsonst-und-draußen-Musikfestival, lockt jedes Jahr zum 21. Juni rund 100 000 Menschen auf die Straßen Berlins. Und dann gibt es noch den Frankreich-Einkaufstempel Galeries Lafayette in Mitte, oder die französische Wirtschaftshochschule ESCP, die in Charlottenburg jedes Jahr Dutzende von Studenten in Masterstudiengängen ausbildet. Unterrichtet werden die Studierenden in Berlin übrigens auf Englisch.

Die französische Lebensart exportiert sich, zumindest in weiten Teilen, auch ohne staatliches Zutun nach Berlin. Das mag eine schmerzliche Erkenntnis für die Betroffenen im Institutsumfeld sein. Aber es eröffnet die Chance, dass Frankreich in der Stadt weiterlebt, auch wenn der französische Staat keine Exporthilfe mehr leistet.

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