Meinung : Schmeißt die Penner raus

Nach sieben Jahren George W. Bush: Neun Talente, die unser neuer Führer braucht, um Amerika wieder nach vorn zu bringen

Lee Iacocca

Bin ich eigentlich der Einzige in meinem Land, der die Nase voll hat von dem, was passiert? Wo zum Teufel ist unsere Empörung? Wir sollten laut aufschreien. Eine Bande ratloser Kerle ist gerade dabei, unser Staatsschiff auf eine Klippe zu steuern. Wirtschaftsgangster rauben uns aus – und wir können nicht mal nach einem Hurrikan aufräumen oder Hybridautos bauen. Und anstatt wütend zu werden, sitzen alle nur rum und nicken mit dem Kopf, wenn die Politiker sagen: „Kurs halten.“ Kurs halten? Das ist wohl ein Witz. Wir reden hier von Amerika, nicht von der verdammten Titanic! Ich sag’s Ihnen ganz offen: Schmeißt die Penner raus!

Sie werden denken, ich sei senil, ich hätte meinen Kopf verloren. Vielleicht habe ich das auch. Aber irgendjemand muss ja mal den Mund aufmachen. Ich erkenne dieses Land kaum wieder. Der Präsident der Vereinigten Staaten bekommt einen Freifahrtschein, die Verfassung zu ignorieren, unsere Telefone abzuhören und uns mit einem Haufen von Lügen in den Krieg zu führen. Der Kongress reagiert auf Rekorddefizite, indem er gewaltige Steuererleichterungen für die Wohlhabenden verabschiedet (danke, aber ich das brauche das nicht). Die bekanntesten Wirtschaftsführer sind nicht die Innovatoren, sondern die Jungs in Handschellen. Während wir im Irak rumfummeln, brennt der Mittlere Osten und niemand scheint zu wissen, was zu tun ist. Und die Presse wedelt mit Pompoms, anstatt harte Fragen zu stellen. Das ist nicht das Versprechen Amerikas, für das meine Eltern den Ozean überquert haben. Meine Freunde sagen mir, ich soll mich beruhigen. Sie sagen: „Lee, du bist 82 Jahre alt, überlasse die Wut den Jungen.“

Das würde ich ja gerne tun, sobald ich sie für fünf Sekunden von ihren iPods weggelockt und dazu gebracht habe, aufmerksam zu sein. Warum sind wir in diesem Schlamassel? Ich war nie ein oberster Befehlshaber, aber ich war ein CEO. Ich verstehe etwas von Führung. Ich nenne neun Punkte (nicht zehn, mir soll keiner vorwerfen, ich sei Moses …), die neun Cs guter Führung. Klare, offensichtliche Qualitäten, die jeder wirkliche Führer haben sollte. Wir sollten die gegenwärtige Regierung daran messen. Ob man will oder nicht, die jetzige Mannschaft wird bis Januar 2009 im Dienst sein. Vielleicht können wir ja was lernen, bevor wir 2008 zur Wahlurne gehen. Dann sollten wir sicher gehen und den Führungstest benutzen, um die Kandidaten zu überprüfen, die sagen, sie wollen unser Land regieren. Es hängt von uns ab, weise zu wählen.

CURIOSITY: Ein Führer muss Neugier zeigen. Er muss auch Leuten außerhalb der Jasager-Truppe in seinem inneren Zirkel zuhören. Er muss ein besessener Leser sein, weil die Welt ein großer, komplizierter Ort ist. George W. Bush gibt damit an, nie Zeitungen zu lesen. „Ich scanne nur die Überschriften“, sagt er. Habe ich das richtig verstanden?

CREATIVE: Ein Führer muss kreativ sein – willens, etwas anderes auszuprobieren, außerhalb der üblichen Schemata zu denken. George Bush ist stolz darauf, Dinge niemals zu ändern, selbst wenn die Welt um ihn herum außer Kontrolle gerät. Senator Joe Biden erinnert sich an eine Unterredung, die er mit Bush hatte, ein paar Monate nachdem unsere Truppen in Bagdad einmarschiert waren. Joe war im Oval Office, um dem Präsidenten seine Besorgnis zu erläutern: die explosive Mischung von Schiiten und Sunniten, die entlassene irakische Armee, die Probleme bei der Sicherung der Ölfelder. „Der Präsident sagte mir, wir seien auf dem richtigen Kurs. Alles werde gut. ,Mr. President’, sagte ich am Ende, ,wie können Sie so sicher sein, wenn Sie gar nicht alle Fakten kennen?’ Bush lehnte sich herüber und legte eine feste Hand auf meine Schulter. ,Meine Instinkte’, sagte er.“

Führung hat vor allem damit zu tun, den Wandel zu managen, ob man nun eine Firma führt oder ein Land. Die Dinge verändern sich, und man wird kreativ. Man passt sich an. Vielleicht war Bush an dem Tag abwesend, als sie das an der Harvard Business School durchgenommen haben.

COMMUNICATE: Ein Führer muss kommunizieren. Ich rede nicht davon, seiner Zunge freien Lauf zu lassen. Ich rede davon, der Realität ins Auge zu sehen und die Wahrheit zu sagen. Niemand in der gegenwärtigen Regierung scheint noch zu wissen, wie man geradeaus redet. Stattdessen verbringen sie den größten Teil ihrer Zeit damit, zu versuchen, uns zu überzeugen, dass die Dinge nicht wirklich so schlecht stehen, wie sie scheinen. Der Krieg im Irak war, neben anderen Dingen, auch ein großes Kommunikationsversagen. Nach Jahren, in denen uns gesagt wurde, dass alles gut läuft, haben wir aufgehört, Bush überhaupt zuzuhören.

CHARACTER: Ein Führer muss ein Mann mit Charakter sein. Das bedeutet, den Unterschied zwischen Richtig und Falsch zu kennen und den Mut zu haben, das Richtige zu tun. Abraham Lincoln sagte einmal, „wenn du den Charakter eines Mannes testen willst, verleihe ihm Macht“. George Bush hat eine Menge Macht. Was sagt das über seinen Charakter? Er hat unsere Truppen (und nicht zu vergessen: Hunderttausende unschuldiger irakischer Bürger) in den Tod geschickt – wofür? Um unsere Ölreserven zu vergrößern? Um seinem Vater zu zeigen, dass er härter ist als er? Die Gründe für den Krieg im Irak sind fragwürdig und die Ausführung des Kriegs war eine Katastrophe. Ein Mann von Charakter bittet nicht einen einzigen Soldaten darum, für eine gescheiterte Politik zu sterben.

COURAGE: Ein Führer muss mutig sein. Ich spreche davon, Eier zu haben (das gilt auch für weibliche Führer). Rumzuschlingern ist keine Courage. Harte Worte allein auch nicht. George W. Bush kommt aus einer blaublütigen Connecticut-Familie, aber es gefällt ihm, wie ein Cowboy zu sprechen. Courage besteht im 21. Jahrhundert nicht in der Pose oder im Draufgängertum. Courage besteht in der Selbstverpflichtung, sich an den Verhandlungstisch zu setzen und zu sprechen.

CHARISMA: Ein Führer braucht Charisma. Ich rede nicht von Auffälligkeit. Charisma ist die Qualität, die Leute dazu bringt, dir zu folgen. Es ist die Fähigkeit, zu inspirieren. Leute folgen einem Führer, weil sie ihm vertrauen. Vielleicht kann man mit George Bush ein netten Abend verbringen. Aber wenn man ihn auf einen Weltgipfel setzt, wo die Zukunft unseres Planeten verhandelt wird, sieht er nicht sehr präsidiabel aus. Seine Kumpelstreiche kommen bei anderen Weltpolitikern nicht so gut an. Da muss man nur die deutsche Kanzlerin Angela Merkel fragen, die unfreiwillig eine Schultermassage auf dem G-8-Gipfel erhielt. Als Bush hinter ihr auftauchte und zu drücken begann, dachte ich, sie würde gleich in die Luft gehen.

COMPETENT: Ein Führer muss kompetent sein. Man muss wissen, was man tut. Wichtiger noch ist, dass man sich mit Leuten umgibt, die ihrerseits wissen, was sie tun. Bush prahlt damit, dass er der erste MBA-Präsident ist (Master in Business Administration). Macht ihn das kompetent? Hm! Dank unseres ersten MBA-Präsidenten haben wir das höchste Defizit in der Geschichte, die Sozialhilfe hängt am Tropf und wir haben uns eine Rechnung mit einer halben Billion Dollar im Irak (bis jetzt) eingehandelt.

COMMON SENSE: Man kann kein Führer sein, wenn man keinen gesunden Menschenverstand hat. George Bush hat ihn nicht. Er hat nur eine Menge Sound Bites. Ex-Präsident Bill Clinton sagte einmal, „Ich bin im Haus eines Alkoholikers aufgewachsen. Ich habe die Hälfte meiner Kindheit damit zugebracht, zu versuchen, in die Welt der Wirklichkeit hineinzukommen – und mir gefällt es hier.“ Ich denke, unser aktueller Präsident sollte die wirkliche Welt hin und wieder besuchen.

Das größte C ist CRISIS (Krise). Führer werden gemacht, nicht geboren. Führerschaft wird in der Zeit der Krise geformt. Es ist einfach, die Füße auf deinen Schreibtisch zu legen und über Theorien zu reden. Oder die Kinder anderer in den Krieg zu schicken, wenn man selbst nie ein Schlachtfeld gesehen hat. Etwas anderes ist es, zu führen, wenn die Welt um einen herum zusammenstürzt. Am 11. September 2001 brauchten wir einen starken Führer – mehr als zu jeder anderen Zeit unserer Geschichte. Wir brauchten eine verlässliche Hand, die uns aus der Asche herausführen konnte.

Wo war George W. Bush? Anstatt dann den schnellsten Weg zurück nach Washington zu nehmen und sofort im Fernsehen zu erscheinen, um die in Panik geratenen Menschen dieses Landes zu beruhigen, entschied er, dass es nicht sicher genug sei, ins Weiße Haus zurückzukehren. Er hat sich praktisch fast den ganzen Tag versteckt. Wir waren alle festgefroren an unseren Fernsehbildschirmen, zu Tode geängstigt und warteten auf unsere Führer, die uns sagen, dass alles in Ordnung kommen würde – und keiner von denen war zu Hause. Bush brauchte eine Reihe von Tagen, um seine Fassung wiederzuerlangen und sich die richtigen Fotogelegenheiten auf Ground Zero auszudenken. Es war George Bushs Moment der Wahrheit, und er war gelähmt. Und was tat er, als er seine Fassung wiedererlangte? Er führte uns auf dem Weg in den Irak – ein Weg, den sein eigener Vater für eine Katastrophe gehalten hatte, als er Präsident war. Aber Bush hörte nicht auf Daddy. Er hörte auf einen höheren Vater. Er ist stolz darauf, sich auf den Glauben, nicht die Realität zu verlassen. Wenn dich das nicht zu Tode ängstigt, weiß ich nicht, was du noch brauchst.

Das ist also, wo wir stehen. Wir sind überwältigt von einem blutigen Krieg, ohne einen Plan, ihn zu gewinnen, und ohne Plan, da rauszukommen. Wir haben das größte Defizit in der Geschichte unseres Landes. Wir verlieren unseren Wettbewerbsvorteil an Asien, während unsere Firmen von Pensionslasten erdrückt werden. Die Benzinpreise gehen durch die Decke – und niemand in der Regierung hat eine kohärente Energiepolitik. Unsere Schulen haben Probleme. Unsere Grenzen sind wie Siebe. Die Mittelklasse wird ausgequetscht. Zeiten, die nach Führung schreien.

Doch wo sind all die Führer hin? Wo sind die neugierigen, kreativen Kommunikatoren? Wo sind die Leute mit Charakter, Courage, Überzeugungen, Kompetenz und Common Sense? Nennen Sie mir einen Führer, der ein besseres Konzept für den Heimatschutz hat, als an Flughäfen unsere Schuhe auszuziehen und unser Shampoo wegzuwerfen! Wir haben Milliarden von Dollar zum Aufbau einer neuen Bürokratie ausgegeben, wissen aber nur, wie man auf Dinge reagiert, die schon passiert sind. Nennen Sie mir einen Führer, der aus der Krise um den Hurrikan Katrina hervorgegangen ist. Nennen Sie mir einen Industrieführer, der darüber nachdenkt, wie wir im Produktionssektor unsere Wettbewerbsvorteile wiedererlangen. Nennen Sie mir einen Regierungspolitiker, der einen Plan formulieren kann, wie wir unsere Schulden zurückzahlen, unsere Energiekrise lösen oder unser Krankenversicherungsproblem managen. Die Stille macht taub. Aber das sind die Krisen, die unser Land auffressen und unsere Mittelklasse austrocknen!

Unseren Abgeordneten sage ich: Wir haben euch nicht in den Kongress gewählt, damit ihr auf euren Hintern sitzt und nichts tut und schweigt, während unsere Demokratie zur Geisel genommen und unsere Größe durch Mittelmäßigkeit ersetzt wird. Wovor haben alle solche Angst? Dass irgend so ein Brabbelkopf bei Fox News sie mit einem Schimpfwort belegt? Lass mich in Ruhe damit. Warum zeigt ihr Typen nicht zur Abwechslung mal ein wenig Rückgrat?

Hey, mir geht es nicht darum, eine Stimme der Düsterkeit und des Niedergangs zu sein. Ich versuche, ein Feuer zu entzünden. Ich melde mich, weil ich Hoffnung habe. Ich glaube an Amerika. In meinem Leben habe ich das Privileg gehabt, einige von Amerikas besten Momenten zu erleben. Ich habe auch einige der schlimmsten Krisen erfahren – die große Depression, den Zweiten Weltkrieg, den Koreakrieg, die Ermordung Kennedys, den Vietnamkrieg, die Ölkrise in den 70ern und die Kämpfe der letzten Jahre, die in 9/11 kulminierten. Wenn ich irgendwas gelernt habe, dann das: Man kommt nirgendwohin, indem man darauf wartet, dass jemand anderes was tut. Ob es nun darum geht, ein besseres Auto zu bauen oder eine bessere Zukunft für unsere Kinder, wir alle haben dabei eine Rolle zu spielen. Es ist nicht zu spät, aber doch schon ziemlich nah dran. Lasst uns also die ganzen Pferdescheiße abschütteln und uns an die Arbeit machen. Wir sollten es ihnen allen sagen:

Wir haben genug.

Der Autor, 1924 geboren, ist in den USA eine Managerlegende. Von 1970 bis 1978 war er Präsident des Ford-Konzerns, 1979 bis 1992 sanierte er Chrysler. Der Text ist eine gekürzte Fassung des Vorwortes seines neuen Buches "Where Have All the Leaders Gone" (mit Catherine Whitney), Scribner, New York 2007, 26 €. © 2007 Lee Iacocca and Associates, Inc. Übersetzt von Clemens Wergin.

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