Meinung : Schmökel gefaßt: War das seine letzte Flucht?

Lorenz Maroldt

Dem Menschen bleibt fast nichts verborgen. Er entdeckt, erforscht, enträtselt. Er will verstehen, das treibt ihn an. So geht es weiter, Jahr um Jahr, Schritt für Schritt. Nur in einem Punkt lässt er sich täuschen, immer wieder: Der Mensch selbst bleibt dem Menschen ein Rätsel, auch wenn er ihn - wieder einmal - zu verstehen glaubte.

In Frank Schmökel haben sich viele getäuscht. Ärzte, Psychiater, Gutachter, Klinikleiter, Polizisten und Pfleger - ja, sogar seine Mutter. Er hatte gedroht, sie zu töten. Man ließ ihn trotzdem zu ihr, und sie war bereit, ihren Sohn zu empfangen. Schmökel stach sie nieder; der blutige Anfang seiner sechsten, bislang letzten Flucht.

Nur Frank Schmökel selbst war sich offenbar dessen bewusst, was in ihm brodelt. "Treibt mir diese Mordlust aus", soll er seine Ärzte angefleht haben. Bei seiner dritten Flucht ließ er in der Zelle einen Brief zurück. "Tut mir leid, die Kleine geht mir einfach nicht aus dem Kopf". Damit war das Mädchen gemeint, das Schmökel 1994 missbrauchte, vergewaltigte und - wie er meinte - tot im Wald liegen ließ. Aber Schmökels Opfer überlebte. "Die Kleine" ging ihm nicht aus dem Kopf - bis heute.

Wie kann so jemand die Lockerungsstufen des Maßregelvollzugs empor steigen, bis er schließlich wieder draußen ist, wieder auf dem Weg zu der "Kleinen", die ihr Leben lang Angst haben wird vor diesem Mann? Wurde falsch therapiert - oder gar nicht? Ist Therapie bei Schmökel überhaupt möglich? Hat er seine Psychiater absichtlich getäuscht? Oder haben "nur" ein paar Pfleger versagt? Leute, die sich an ihn gewöhnt hatten, die meinten, ihren Frank Schmökel zu kennen, diesen etwas seltsamen, aber doch ganz netten jungen Mann. Früher hatte ihn ein unerklärlicher Drang zu unerklärlichen Taten getrieben. Doch nun saß er friedlich in seinem Zimmer, über dem Bett die Ferrari-Fahne, auf dem Schreibtisch ein Computer.

Die Pfleger haben versagt, weil sie - zu dritt - Schmökel nicht an der Flucht hindern konnten. Sie waren beschäftigt; sie rauchten vor der Tür, während Schmökel zum Messer griff. Das hatten sie ihm offenbar nicht zugetraut. Damit ist einer der Fehler - nicht der gröbste, aber der letzte und deswegen entscheidende - im Einzelfall Schmökel beschrieben. Die grundsätzlichen Fragen und Probleme bleiben. Ein Psychiater definiert seinen Erfolg, wie alle Ärzte, an der Genesung seines Patienten. Vielleicht verleitet dies manche Psychiater dazu, optimistischer zu sein, als es die Vorsicht gebietet. Eine Garantie gibt er ohnehin nicht, nur eine Prognose. Im Fall Schmökel war die Prognose trotz aller Warnungen, trotz aller Rückfälle verhalten gut. Ein fataler Irrtum.

Psychologie ist immer in Bewegung, angetrieben von wissenschaftlicher Forschung, aber auch vom Zeitgeist. Psychologen wissen - und glauben. Und sie hoffen. Es hat im Fall Schmökel unterschiedliche Gutachten gegeben, aber das ist nichts besonderes. Es findet sich immer ein Gegengutachten.

Es ist nicht die Aufgabe der Psychologen und Gutachter, die Gesellschaft vor kranken Triebtätern zu schützen. Das ist eine politische Aufgabe. Insofern gibt es eine politische Verantwortung für die Flucht eines Triebtäters, auch wenn ein Psychiater geirrt und ein Pfleger versagt hat. Aber es ist richtig, wenn der zuständige Minister nicht während einer Krisensituation aus der Verantwortung flieht. Ein Rücktritt macht die Sache nicht besser, jedenfalls nicht sofort. Anders sieht es aus, wenn die Zeit kommt, im Einzelfall das Grundsätzliche zu erkennen. Und da ist der Fall Schmökel schon von Bedeutung.

In Brandenburg sucht eine unabhängige Kommission nach Fehlern im Maßregelvollzug. Sie wird etwas finden, es wird etwas verändert, vielleicht tritt dann auch der Minister zurück. Es kann besser werden, aber es wird nie ganz gut.

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