Meinung : Schnäppchenjäger unterwegs

Das Weihnachtsgeschäft enttäuscht den Handel – die Verbraucher profitieren von Preiswettbewerb und Rabatten

Maurice Shahd

Der Handel hat das Weihnachtsgeschäft abgeschrieben, bevor es zu Ende ist. Bis zu fünf Prozent Umsatz verlieren die Einzelhändler im Vergleich zum Vorjahr, als es ebenfalls nicht besonders gut lief. Und das, obwohl sich schon seit einigen Monaten die Konsumlaune der Verbraucher in Deutschland verbessert. Schließlich mehren sich die Zeichen für eine Erholung der Wirtschaft und die Börsenkurse machten nach ihrem Tiefpunkt im März einen Satz nach oben. Schließlich setzte die Bundesregierung mit dem Vorziehen der Steuerreform eine Entlastung für die Bürger durch.

Für das Weihnachtsgeschäft kam die Entscheidung zu spät. Aber auch die Hoffnung, dass der Konsum im kommenden Jahr merklich anzieht, wird sich nicht erfüllen. Den Menschen steckt die Depression der letzten drei Jahre noch in den Knochen. Zu groß ist die Verunsicherung darüber, wie stark der wirtschaftliche Aufschwung ausfallen wird und ob er ausreicht, um die Arbeitslosigkeit spürbar zu senken. Die Folge könnte sein, dass die Menschen einen Teil der Steuerersparnis lieber auf die hohe Kante legen, als sie mit vollen Händen auszugeben. Zumal vielen noch nicht klar ist, wie viel Geld sie letztendlich mehr in der Tasche haben. Pendler mit einem langen Weg zur Arbeit oder Raucher profitieren weniger von der Steuerreform als andere. Höhere Ausgaben für die Gesundheit müssen die Menschen in jedem Fall in ihrem Budget berücksichtigen.

Dass der Handel auch im kommenden Jahr keine Jubelschreie machen wird, hängt aber auch damit zusammen, dass wir heute anders konsumieren als früher. Jeder Haushalt hat heute mindestens einen Fernseher und unsere Kleiderschränke bersten auseinander. Statt in Sachen investieren wir lieber in ein Erlebnis wie eine Reise oder gehen ins Fitnessstudio. Das Geld, das dort ausgegeben wird, geht dem Handel verloren. Zusätzlich geben wir mehr Geld für unsere Altersvorsorge aus, weil die gesetzliche Rente nicht mehr ausreichen wird.

Es klingt paradox, aber trotz sinkender Umsätze steigen die Einzelhandelsflächen weiter an, werden in Städten wie Berlin neue Einkaufszentren gebaut. Der schärfere Wettbewerb hat zu einem Preiskampf geführt, wie es ihn vor Weihnachten bisher noch nicht gegeben hat. So mancher Schnäppchenjäger hat in diesem Jahr sogar mehr Waren in die Einkaufstaschen gepackt als in anderen Jahren, dafür aber weniger Geld ausgegeben. Andere sind mit dieser Rabattflut nur noch überfordert. Ihr Gefühl für den „richtigen“ Preis haben sie längst verloren. Die Folge ist häufig Konsumverweigerung, weil die Verbraucher auf das noch bessere Angebot warten. Orientierung geben hier nur noch die Discounter, die für dauerhaft niedrige Preise eine angemessene Qualität garantieren. Deren Vordringen wird auch im kommenden Jahr weitergehen.

Für den Kunden wird die Handelswelt 2004 noch etwas unübersichtlicher werden, wenn auch die Schlussverkäufe abgeschafft werden. Allerdings liegt darin auch die Chance für den Verbraucher. Er muss sich zwar entscheiden, ob er eine Ware mit hohem Rabatt kauft, zu einer Billigkette geht oder sogar im Internet nach einem Schnäppchen suchen will. Günstige Preise findet er dank des Wettbewerbs überall.

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