Meinung : „Schönbohm will der Mörder gedenken“

Werner van Bebber

Die Tarnung war eines ehemaligen Geheimdienstmannes würdig: Hans Rentmeister sprach für die Opfer der Nazis, ein Mahner und Erinnerer, einer von jenen, die an Gendenkverstaltungen in ehemaligen Lagern teilnehmen, weil sie das als ihre Pflicht empfinden. Dass aber Rentmeister viele Jahre für die Stasi gearbeitet hat, ist vor ein paar Tagen bekannt geworden. Der scheinbar so integre Mann, der in Sachsenhausen mit dem Leiter der Gedenkstätte zusammenarbeitete, um dem Vergessen entgegenzuwirken, gehörte seit den 60ern „Sicherheitsorganen“ der DDR an. Erst war er Sachbearbeiter, dann studierte er an der Juristischen Hochschule Potsdam, einer Einrichtung der Staatssicherheit. Prämien, Belobigungen und Ehrenurkunden, in seiner Stasi-Akte vermerkt, weisen ihn als gut funktionierenden Kader aus.

Aufgeflogen ist Rentmeister keine zwei Wochen, nachdem er als Wahrer der Interessen und des Ansehens der Nazi-Opfer den brandenburgischen Innenminister Jörg Schönbohm heftig kritisiert hatte. Der 66 Jahre alte Ostdeutsche mit den tiefen Falten um den Mund warf Schönbohm bei einer Feierstunde zur Befreiung des Nazi- Konzentrationslagers Sachsenhausen vor, das Leid der KZ-Insassen zu relativieren. Schönbohm sagte am jenem Sonntag, man wolle „aller gedenken, die hier gelitten haben“ – also auch derer, die in Sachsenhausen gequält wurden, als das Lager dem sowjetischen Geheimdienst unterstand. Von 1945 bis 1950 sollen 60 000 Personen dort inhaftiert gewesen sein, 12 000 starben infolge der Haftbedingungen. Die Mehrzahl der Lagerhäftlinge hatte den Nazis gedient, es waren der Gedenkstätte zufolge „kleine und mittlere Funktionsträger“, deren Schuld nicht überprüft wurde. Seit 1948 inhaftierte der sowjetische Geheimdienst in seinen Lagern immer mehr Leute, die mit dem Besatzungsregime aneinander geraten waren. Manche waren Opfer einer Denunziation – Sachsenhausen stand jetzt für roten Terror.

Rentmeister fand Schönbohms Worte deplatziert und machte das mit einem Zwischenruf deutlich. Das wirkt heute wie verlautbarter DDR-Antifaschismus, der den roten Terror nicht wahrhaben will. Vom Vorsitz des Opferverbandes „Internationales Sachsenhausen- Komitee“ trat er nun zurück. Was Rentmeister an diesem Nachmittag wirklich bewegt hat, war von ihm nicht zu erfahren. Angeblich gehörte sein Vater zu den Nazi-Opfern von Sachsenhausen.

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