Schöne neue Ferienwelt : Ab und weg und immer da

Obwohl heute viel weiter gereist wird als früher, schrumpft das große Abenteuer der Ferien. Man ist fort – und bleibt doch immer mehr da.

Peter von Becker

Für das Schulkind, einst, waren die Sommerferien nicht einfach nur die großen Ferien. Sie schienen am Anfang jedes Mal wie eine wunderbare Verheißung, so, als könnte dieser Zustand der großen Freiheit sich den Sommer über ins schier Unendliche dehnen und die ganze Welt in einen Abenteuerspielplatz verwandeln. Später sind die Sommer dann nicht kürzer oder kälter geworden. Nur die großen Ferien sind kleiner geworden. Vielleicht sogar für die Kinder.

Das hat nicht bloß mit dem eigenen Älterwerden zu tun oder mit dem der Gesellschaft, die in Mitteleuropa kinderärmer geworden ist. Nein, die sechs Sommerwochen Schulfrei gibt’s unverändert, und die Menge der Urlaubs- und Freizeit in Deutschland erreicht noch immer internationale Rekordhöhen. Gerade jetzt reisen sie wieder, ab Berlin und andernorts, wo die Deutschen startklar sind für die Ferien. Ausgerechnet im Wirtschaftsboomjahr 2007 wollen uns laut Statistik zwar die Briten den Titel des „Reiseweltmeisters“ streitig machen, aber letztlich werden doch wieder zwei Drittel aller Bundesbürger auf Achse oder im Flieger sein. Die Mehrheit von ihnen im Ausland – und dabei wächst, trotz aller Klimadebatten, das Geschäft mit den Fernflügen: ab ins Weite und Billige, weil ja Mallorca und Rimini längst keine Schnäppchen mehr sind.

Das freilich ist der Punkt. Obwohl viel weiter gereist wird, schrumpft das große Abenteuer der Ferien. Man ist fort – und bleibt doch immer mehr da. Früher wollte der Reisende in der Ferne auch das Fremde entdecken, eine neue, andere Welt. Heute werben die Reiseveranstalter damit, dass sich der Tourist im Urlaub so wie zu Hause fühlen könne. Mit gewohntem Komfort, heimischem Frühstücksbuffet und deutschem Satellitenfernsehen. Die Hotels der Mittelklasse sehen von Malle bis Thailand, von Domrep bis zum Roten Meer alle ähnlich aus, und für viele Gäste, die am Pool vor allem sonnenbaden, bleibt selbst das reale Meer außen vor. Es reicht als Naturtapete, als Ferienstatussymbol.

Überhaupt ist die Wirklichkeit, die in der Ferne nicht nur einiges an Armut, Seuchen und anderer Unbill zu bieten hätte, im Ferien-Club, im All-Inclusive- Resort nach Möglichkeit ausgesperrt. Natürlich gibt es daneben Millionen Menschen, die Länder und Leute, Kulturen und Mentalitäten für sich mit Neugier erkunden. Doch auch sie reisen einer vergangenen Exotik hinterher. Denn selbst ihre abseitigeren Pfade sind tief ausgetreten. Robinson war immer schon hier.

Der weltweite Tourismus hat die weite Welt schon vor dem Internet zum Global Village schrumpfen lassen. Sogar auf dem Mount Everest wird es unter den organisierten Gipfelsteigern bisweilen eng, Machu Picchu oder der Tempel von Angkor Wat sind Pauschalreiseziele, und erfahrenen Globetrottern gilt allein die Tiefsee noch als weitgehend unberührter Weltteil. Dort funktionieren auch keine Handys, dorthin reicht kein digitales Netz. Auf dem Trockenen aber zappeln wir alle – und nur mit Muße, mit einem Müßiggang neuer alter Art würden wir vielleicht durch die Maschen schlüpfen.

Zwischen Berufs- und Privatsphäre haben die neuen Medien die Grenzen längst verwischt. Wer seine Mails weltweit abruft, wer noch aus dem Dschungel in Echtzeit kommuniziert, also überall erreichbar ist, der ist auch nie mehr richtig verreist. Ewig online sein, nie abschalten: Damit kann man schon zu Hause zur Nervenprobe und zum Nervenbündel werden. Und hat seine Ferien gestrichen.

Die Beschleunigung der Verkehrsmittel und die mediale Allgegenwärtigkeit haben das Reisen zugleich inflationiert und entzaubert. Den Gegenzauber suchen nun manche auf urigen Wanderwegen und Pilgerpfaden. Mit dem Stock statt dem Handy in der Hand. Als Mischung aus Rousseau und Hape Kerkeling. Sogar dort werden Touristen Touristen Touristen nennen. Wir denken ja, das seien nur immer die anderen. Und begegnen uns doch selbst. Auch das wäre freilich eine Erkenntnis – und nicht mal die schlechteste. Bei den Ferien zum Ich.

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