Meinung : Schöne Stadt statt Karstadt

Von Roger Boyes, The Times

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Wenn Barbara Principe Wertheim besucht, werden ihre Augen feucht. Sie ist die Tochter von Günther Wertheim, einem der Erben der Warenhausdynastie, der emigrieren musste. In New Jersey betrieb er erfolglos eine Hühnerfarm, Barbara spricht mit den breiten Vokalen New Jerseys. Die Läden, an die sie sich erinnert, waren märchenhaft: voll Glanz und Licht. Zuvorkommende Verkäufer – deren Haar, Teint und Hände wurden jeden Morgen kontrolliert – machten den Einkauf zum Ereignis, zum Ausflugsziel. In den 50ern wurde Wertheim von Karstadt aufgekauft, der Name verlor seine Bedeutung, die Läden ihre Ausstrahlung: ein Sieg für die Banalität des Alltags. Wenn ich heute bei Karstadt oder Wertheim Rat suche, möchte ich manchmal in Tränen ausbrechen. Ich, ein großer, stämmiger, zynischer Mann, der gemein über Politiker schreibt, plötzlich vollkommen hilflos in der Jeansabteilung. Die Verkäufer abgeneigt oder abwesend, und man kann ihnen das nicht einmal verdenken. Ihnen ist jegliche emotionale Beziehung zu ihrem Kaufhaus abhanden gekommen: Kaufen bei Karstadt ist kaufen am Fließband.

Nein, mir geht das mögliche Ende von Karstadt nicht nahe. Wenn das den Tod der deutschen Innenstadt bedeutet, kann ich nur sagen: der Tod hätte keinen Besseren aufsuchen können. Deutsche Innenstädte sind müde Klone – Karstadt, natürlich, Footlocker, H & M vielleicht, McDonald’s, TMobile, ein Bankautomat, viel Straßenpflaster, drei Bäume, Hundescheiße –, in der Geldausgeben keinen Spaß mehr macht. Die Deutschen wollen nicht in einer homogenisierten Welt leben, aber die Gier der Immobilienbesitzer lässt ihnen keine Wahl. Nur große Ketten wie Karstadt oder McDonald’s können die hohen Mieten noch bezahlen. Den wahren Preis zahlen wir, das Leben wird aus unseren Innenstädten herausgequetscht.

Die Ära des Warenhauses geht zu Ende. Vielleicht liegt es am Internetshopping, vielleicht stimmt die Rechnung auch einfach nicht: Um die hohen Mieten zu zahlen, müssen die Warenhäuser große Umsätze machen, dafür müssen sie die Preise senken, und das geht nur, wenn sie Leute rausschmeißen und so den Service verschlechtern. Die Lösung besteht darin, die Eigentümer für das Stadtbild mitverantwortlich zu machen. In London geht das: Mercers Company, seit dem 16. Jahrhundert Besitzer von Covent Garden, verbietet Ketten und bietet kleinen Läden 15 Prozent Mietnachlass. In Kalifornien hat die Stadt Carmel so genannte „Formula Restaurants“ verboten. In Frankreich und Polen können Gemeinden jeden neuen Supermarkt über 1000 Quadratmeter verbieten, um den „Geist der Gemeinde“ zu schützen.

In einigen deutschen Städten sind die Immobilienpreise derart gefallen, dass sich neue, kreative Lösungen anbieten. Das leere Karstadtgebäude in Siegen sollte 24 Millionen Mark kosten, jetzt ist es für zwei Millionen Euro zu haben. Wenn kein Berliner Unternehmer ein leeres Karstadtgebäude kaufen will, warum packt man nicht eine Stadtbibliothek rein – samt Café (kein Starbucks!) im Erdgeschoss? In London werden verwaiste Läden an Wohltätigkeitsorganisationen vergeben – zu einer Minimiete, damit die ihre gebrauchte Kleidung und Bücher vertreiben können. Die meisten Berliner Eigentümer haben lieber leere Immobilien als dass sie ihre Mieten senken. Mitte mit seinen vielen kleinen kreativen Boutiquen zeigt, wie es geht. Der Berliner Konsument ist viel anspruchsvoller als in den 70ern: er will Kaffeebars, die guten Tee servieren; Kleidergeschäfte, wo die Verkäufer wissen, wie man sich anzieht; Metzger, die einen beraten können , wie lang etwas garen muss.

Niemand, seien wir doch ehrlich, braucht Karstadt wirklich.

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