Meinung : Schrein oder Sein

Das Amerika-Haus soll zu einem Museum für West-Berlin werden - wirklich?

Rüdiger Schaper

Der West-Berliner als solcher ist kein Indianer; denn er kennt den Schmerz. Die Geschichte seit 1989/90 lässt sich aus dieser Perspektive als lange Verlustliste lesen – für den höheren Hauptstadtzweck. Das Schiller-Theater liquidiert, der SFB wegvereint, das Rathaus Schöneberg geleert, der Bahnhof Zoo zur Bimmelbahnstation degradiert: Es kommt manchem so vor, als würde hier das Gewohnheitsrecht mit Füßen getreten und der Westen stets die Zeche zahlen.

Auch das Amerika-Haus gehörte einmal zu den Symbolbauten der geteilten Stadt. 1957 an der Hardenbergstraße eröffnet, war es in den Sechzigerjahren ein beliebtes Angriffsziel bei Studenten-Demos. Es waren aber die Amerikaner selbst, die das Studieren und Kommunizieren in ihrem Haus immer schwieriger machten. Mit dem 11. September wurde der Glasbau endgültig zur Festung, auch amerikanische Staatsbürger kommen ohne Voranmeldung nicht hinein. Das State Department hatte lange schon die Praxis eines freien Kulturaustausches aufgegeben, wie man sie vom British Council oder dem Goethe-Institut kennt.

Nun wird das Amerika-Haus, was kaum einer mehr wahrnehmen dürfte, vollends geschlossen. Gone and forgotten? Seltsamerweise nicht. In seltener Einmütigkeit hat sich die Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf für die Einrichtung eines „West-Berlin-Museums an historischer Stätte“ ausgesprochen. Da ist er wieder, der Phantomschmerz. Als gäbe es in dieser Stadt mit ihrer weltweit konkurrenzfähigen Museumsdichte keinen anderen Ort zum Lernen, Schauen, Erinnern.

Marshall-Plan und Wiederaufbau, Dokumentation der 68er-Bewegung und der Frontstadtmentalität bis hin zum Mauerfall, immer mit Verweis auf die Schutzmacht USA: Dafür böte das Amerika-Haus gar nicht den Platz. Ohnehin könnte nur der Senat – und auch nur mit einem privaten Investor, wie beim „Erotik-Museum“ um die Ecke – einen West-Berlin-Schrein im Westentaschenformat einrichten, vielleicht mit Diepgen, Juhnke und Rolf Eden als Wachsfiguren.

Was ist mit dem Alliierten-Museum an der Clayallee und seinem Rosinenbomber? Was mit dem Haus am Checkpoint Charlie? Schläft das Stadtmuseum? Was im Westteil Berlins historisch von Bedeutung war, also auch die Geschichten um Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke und die APO, gehört in die jüngst eröffnete Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums. Ähnliches würde für ein Ost-Berlin-Museum gelten, das an den 17. Juni, die Biermann-Zeit, die Stasi und die letzten Zuckungen der SED exklusiv erinnern wollte. Braucht man nicht. Dafür gibt es das Zeughaus mit dem Pei-Anbau.

West-Berlin-Museum: Es klingt, ob man will oder nicht, nach Partikularismus und suggeriert den immer wieder gern debattierten und gefühlten Niedergang der City-West. Die Idee hat etwas Wehleidiges, Voreiliges. Denn West-Berlin, das ist nicht nur ein Gerücht, ist wieder im Kommen. Es war ja nie tot. Vergesst Mitte, Kreuzberg ist es!, titelt diese Woche ein Stadtmagazin. Der neue Hauptbahnhof liegt auf altem West-Territorium. Ganz West-Berlin übrigens war ein Museum. Ein außerordentlich lebendiges. Mit richtigen Menschen, viel Kultur und Drama. Das kann man nicht in Kunstharz gießen.

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