Meinung : Schröder und der Osten: Immer auf dem Sprung

Mit einem kecken Sprung vom Hubschrauber hinab auf das Marineschiff "Donau" hat der Bundeskanzler das Wahljahr eröffnet. Frisch aus dem Urlaub landet Gerhard Schröder nun im Osten, genauer gesagt: vor Warnemünde. Zwei Wochen nimmt er sich jetzt Zeit, um gegen die Nöte der neuen Länder und die Zweifel an der ungeliebten EU-Erweiterung anzureisen, mit Abstechern nach Polen, Tschechien und Bayern. Schröder und der Osten - ein Verhältnis? Oder eher ein Mangel? Eine Fremdheit? Am ehesten: eine Differenz. All das, was Schröder im Westen Schröder sein lässt, also aktiv, macht ihn in Ostdeutschland passiv.

Da ist zunächst die Art und Weise, wie dieser Kanzler regiert. Schröder hat seinen ihm eigenen, interventionistischen Stil kreiert. Er überrumpelt mit feinen Nadelstichen. Die Deutschen zeigen sich festgefahren zwischen Ausländer-Unbehagen und Import-Bedarf an Hochqualifizierten? Schröder holt die Green-Card aus dem Hut. Die Wirtschaft leidet? Die Veräußerung von Unternehmensbeteiligungen wird steuerlich besser gestellt. Die Gewerkschaften leiden zurück? Sie bekommen mehr Betriebsräte. Bei VW klappt 5000 mal 5000 nicht? Der Kanzler nutzt ein Firmenfest zum effektiven Grollen und erzwingt den Konsens.

Sein Stil zielt auf das Aufbrechen dessen, was stets als die "sklerotischen Strukturen" in Deutschland kritisiert wurde. Dies waren westdeutsche Strukturen. Der Osten, den es so monolithisch natürlich nicht gibt, ist in weiten Teilen von anderen Grundstimmungen und anderen Empfindlichkeiten geprägt. Eine Gesellschaft, der nach 1989 nicht wie im Westen Ruhe und Weiter-So verordnet wurde, sondern die den Kollaps erfahren und Ressentiments behalten hat, sehnt sich nach einer ruhigen, festen Hand, fast nach Vaterfiguren. So, wie die Landesfürsten Stolpe und Biedenkopf sie lange verkörperten. Schröder verspricht zwar die ruhige Hand, doch ist sie ohne Festigkeit. Und väterlich ist Schröder nun wirklich nicht. Das Berühmteste, was von seiner Sommerreise in den deutschen Osten anno 2000 übrig blieb, war ein Popsong: Auch da, beim Biertrinken, gab Schröder den ganzen Kerl. Doch keine Rolle ist im Osten Deutschlands hinfälliger als die des starken Mannes.

Der Westen braucht bei seinem milden Wandel zur postindustriellen Gesellschaft gelegentliches Aufscheuchen. Schröder beherrscht das bestens. Der schonungslos deindustrialisierte Osten braucht Sicherheit, Beruhigung. Hier ergibt es eigentlich Sinn, dass der Kanzler so stolz ist auf die verlässliche Langfristplanung der Regierung, auf Solidarpakt II und Länderfinanzausgleich. Nur: Als das Doppelpaket vor wenigen Wochen präsentiert wurde, saß der Kanzler daneben und scherzte. Der Osten verlangt eine Politik, die nicht die seine ist. Wenn sie Schröder trotzdem gelingt, dann nur, wenn andere sie festzurren. Er selbst ist zu schnell, zu variabel.

Vierzig Jahre nach dem Mauerbau zeigt der Umgang mit der PDS am besten, wie wenig Schröders Maximen und die verwirrten Wirklichkeiten des deutschen Ostens übereinstimmen. Sein Generalsekretär Müntefering darf die Umarmung der PDS als Versöhnungsbeitrag loben - eine Ungeheuerlichkeit, die vorgibt, demokratische Teilhabe fände nur auf der Regierungsbank statt. Schröder lässt es geschehen und billigt es klammheimlich, weil er in Optionen der Machterhaltung denkt. Ein zusätzlicher und ausgerechnet in Berlin reingewaschener Koalitionspartner stabilisiert die SPD-geführte Regierung für die Zeit nach der Bundestagswahl. Natürlich geht es nur darum und eben nicht um Versöhnung, was Münteferings Behauptungen noch schlimmer macht. Doch vor allem bleibt die Frage: Eine politische Welt, in der es Dinge gibt, die keine Optionen sind, sondern schlicht ungehörig - ist die Gerhard Schröder etwa fremd? Gerade im Umgang mit der PDS bräuchte der Kanzler den Mut zur Konfrontation aus Überzeugung. Sonst lässt er ihr viel Raum für weiteres Gedeihen.

Von Ideologie hat der Osten genug. Von nachdrücklich vertretenen Überzeugungen nicht. Des Kanzlers Wandlungsfähigkeit ist für den Westen zuweilen ein Segen. Den Osten dagegen verunsichert seine Hyperflexibilität. Deshalb bleibt von dem, der da springt, nur das Bild der Sprunghaftigkeit.

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