Meinung : Schrumpfen als Chance

Wie Brandenburg vom demografischen Wandel profitieren kann Von Matthias Platzeck

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Der Begriff vom demografischen Wandel klingt für viele Menschen sehr abstrakt. Noch dazu, wenn es um Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung über 10 oder 15 Jahre oder gar in Vorausschätzungen bis zum Jahr 2050 geht. Ist das nicht alles sehr weit weg? Doch es gibt ein paar grundlegende Fakten, an denen wir nicht vorbeikommen. Der demografische Wandel verläuft in unterschiedliche Richtungen – und keineswegs nur abschüssig.

Zum Beispiel in Brandenburg: Unser Land hatte in den neunziger Jahren eine der niedrigsten Geburtenraten Europas. Und Mädchen, die nicht geboren wurden, können später keine neuen Kinder bekommen – allein deshalb wird unsere Einwohnerzahl langfristig zurückgehen. Parallel dazu werden wir alle – zum Glück – älter. Ein dritter Trend ist die Wanderung. Auf der Suche nach Arbeit sind viele Menschen aus den äußeren Regionen unseres Landes abgewandert, vor allem gut ausgebildete und jüngere. Gleichzeitig ziehen viele Menschen ins Berliner Umland. Dort wächst eine europäische Großstadtregion mit einer leistungsfähigen Wirtschaft heran. Der demografische Wandel stellt uns also vor große, auch widersprüchliche Herausforderungen. Für diese langfristig wirkenden Trends gibt es keine schnellen Lösungen. Für mich sind fünf Punkte besonders wichtig.

Erstens: Wenn sich unsere Gesellschaft so massiv verändert, brauchen wir eine intensive öffentliche Diskussion. Noch vor zwei Jahren ergab eine Umfrage, dass nur ganze sieben Prozent der Brandenburger beschreiben konnten, was sich hinter dem Begriff demografischer Wandel verbirgt. Aufklärung tut also not. Die Grundvoraussetzung dafür ist Verständnis für die Veränderungen – denn Unwissen macht Angst. Im Land, in den Kommunen brauchen wir Diskussionen um die besten Rezepte und Ideen. Nur so kann der Mut entstehen, die Dinge tatkräftig zu gestalten und Chancen zu ergreifen.

Zweitens. Wir haben in der Vergangenheit zu lange darauf gesetzt, dass in jedem Winkel unseres Landes gleichsam „blühende Landschaften“ entstehen könnten. Das war nicht realistisch. Inzwischen haben wir unsere Förderpolitik umgestellt. Denn bei weniger Einwohnern und schrumpfenden Mitteln müssen wir das Vorhandene konzentriert einsetzen. Mit dem Konzept des „Stärken stärken“ bündeln wir die Förderungen in Wachstumskernen. Diese Kerne werden Strahlkraft für ganze Regionen entwickeln.

Drittens. Dass gute Bildung heute die Grundvoraussetzung für fast alles im Leben ist, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Besonders in schrumpfenden Regionen ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen Zukunftschancen zu bieten. Darum müssen wir hochwertige Bildung von Anfang an garantieren. In den kommenden Jahren wird die Zahl der Erwerbsfähigen in Brandenburg um 30 Prozent zurückgehen, in manchen Orten sogar um 50 Prozent. Experten sagen uns, dass wir bis zum Jahr 2015 etwa 200 000 Fachkräfte brauchen. Das eröffnet die Aussicht, dass mancher zurückkommt, der vor Jahren abgewandert ist – so wie wir es jetzt beim Aufbau der Solarindustrie in Frankfurt (Oder) erleben. Heute kann ich jedem Jugendlichen bei uns mit gutem Gewissen sagen: Du hast beste Chancen, hier in Brandenburg einen guten Job zu bekommen – unter einer Voraussetzung: Du musst dich anstrengen, denn gesucht werden motivierte und gut ausgebildete Fachkräfte.

Viertens. Im Berliner Umland haben wir Kommunen, deren Einwohnerzahl in den kommenden Jahren um bis zu 40 Prozent wächst – zugleich haben wir nur 50 Kilometer weiter Orte, die bis zu 40 Prozent ihrer Einwohner verlieren werden. Wie organisieren wir diesen gegenläufigen Prozess? Wie vor allem das Schrumpfen? Der Stadtumbau ist bereits in vollem Gange – manche Bausünden aus DDR-Zeiten können wir so beseitigen. Eines steht jedoch bereits heute fest: Die Gestaltung der Folgen des Bevölkerungsrückgangs kann man nur gemeinsam lösen. Es ist wenig sinnvoll, wenn sich Gemeinden wechselseitig die schwindenden Schüler wegnehmen. Das Gebot der Stunde heißt Zusammenarbeit – so kann eine „kleiner werdende“ Schule heute zugleich Treffpunkt für Jung und Alt sein, ein Kulturzentrum und eine öffentliche Bibliothek. Wir werden viele Ideen brauchen, um die Probleme des Schrumpfens zu bewältigen.

Fünftens. Wir brauchen mehr Kinder. Familien- und Kinderfreundlichkeit muss aktiv gelebt werden. Dazu kann jeder einen Beitrag leisten. Wir zeichnen jedes Jahr familienfreundliche Unternehmen aus, die ermöglichen, dass Frauen ihren Job und ihre Familie unter einen Hut bekommen. Eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen Brandenburgs ist unser dichtes Kita-Netz.

Aufklärung, Konzentration und Kooperation, „Stärken stärken“ sowie Unterstützung für Kinder und Familien – mit diesen Mitteln sorgen wir dafür, dass Brandenburg lebenswert bleibt, weil es „demografiefest“ wird.

Der Autor ist Ministerpräsident des Landes Brandenburg und SPD-Landesvorsitzender.

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