Meinung : Schulanfang: Bonbons und Ungewissheit

Gerd Nowakowski

Der Ranzen steht bereit, die Schultüte ist gepackt mit viel Naschereien für einen unvergesslichen Tag. Mehr als 25 000 Kinder werden heute in Berlin eingeschult. Nicht nur Süßes wird ihnen mitgegeben für ihren Schulweg. Achtung Baustelle, könnte an den Schultoren stehen. So viel Ungewissheit war selten: Die heute eingeschulten Kinder wissen nicht, wie die Grundschule sie auf den Übergang zur Oberschule vorbereitet, ob sie ihr Abitur nach 12 oder 13 Jahren machen, ob sie einen verpflichtenden wertevermittelnden Unterricht bekommen, wie lange es noch Leistungskurse gibt.

Wie wird das Berliner Schulsystem aussehen, wenn die jetzt eingeschulten Kinder in Studium oder Lehre gehen? Die Ungewissheit ist nicht nur schlecht. Was die Lehranstalten leisten müssen in einer schneller und unübersichtlicher gewordenen Zeit, das ist endlich wieder ein zentrales Thema, nicht nur im Wahlkampf. Was gehört zum Bildungsauftrag der Einrichtungen, in der die Basis für die Zukunft unser Gesellschaft gelegt werden soll? Noch fehlen die Antworten. Alles gesellschaftliche Baustellen.

Schulsenator Klaus Böger hat nach vielen Jahren des Stillstands einiges in Bewegung - und voran gebracht. Auch den Konflikt mit seiner eigenen Partei scheut er dabei nicht. Er hat den Lehrern eine Unterrichtsstunde mehr aufgezwungen und im Senat die Einstellung von mehr als tausend Lehrern durchgekämpft. Trotz sinkender Schülerzahlen sind viele Klassen zu groß, viele Schulen dringend renovierungsbedürftig.

Der Sozialdemokrat Böger steht unter Erfolgsdruck. Wie Schule auszusehen hat, das formulieren Eltern immer deutlicher. Nach Umfragen sind nur noch die Hälfte der Berliner vom Modell der sechsjährigen Grundschule überzeugt. Der Schulsenator weiß, dass die Primarstufe deutlich reformiert werden muss. Nur dann ist die Abstimmung der Eltern per Abmeldung ihrer Kinder in Richtung grundständige Gymnasien zu stoppen. Deshalb werden seit Beginn des Schuljahres die fünften Klassen teilweise nach Leistungsstärke aufgeteilt. Damit sollen bessere Schüler zusätzliche Lernanreize bekommen. Ob das reicht?

Auch die Islamisten, die sich den Zugang zur Schule erzwungen haben, bringen den Senat in Zugzwang. Die Eröffnung von gleich drei evangelischen Privatschulen in Ost-Berlin ist ebenfalls ein Zeichen. Eltern wollen einen wertevermittelnden Unterricht - als Ergänzung zur stärkeren Leistungsorientierung. Der Schulsenator will dies ebenfalls. Nur gibt es dafür bei SPD und Grünen keine Mehrheit.

Nicht für die Schule, für das Leben lernen? Das gilt nicht allein für Schüler, sondern auch für die Politik. Doch die tut sich in vielen Bereichen noch schwer, ideologische Scheuklappen abzulegen. Die Eltern, bei denen zunehmend der Mut zur Erziehung wächst, sind da pragmatischer. Sie wollen eine Schule, die ihre Kinder bestmöglich darauf vorbereitet, ihr späteres Leben zu meistern. Dazu braucht es mehr als Süßigkeiten in der Schultüte.

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