Schulbeginn in Berlin : Wie ein Schulfrieden ohne Stillstand aussehen könnte

Ein Reform-Kater hat sich in Berlins Schulen festgesetzt. Vielleicht könnte ihn eine Verschnaufpause vertreiben. Würde Berlin sich entscheiden, das Einschulungsalter wieder heraufzusetzen, wären Lehrer frei, die sich um wichtige Aufgaben kümmern könnten.

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Immer mehr Kinder müssen die erste Klasse wiederholen. Würde ein höheres Einschulungsalter diese Quote senken?
Immer mehr Kinder müssen die erste Klasse wiederholen. Würde ein höheres Einschulungsalter diese Quote senken?Foto: dpa

Das Berliner Schuljahr hat mit einem Versprechen begonnen. Einen „Schulfrieden" soll es geben, wenn es nach dem Willen der großen Koalition geht. Vorbei der Reformmarathon, vorbei all die Experimente und Kraft raubenden Diskussionen, die von dem ablenken, was eigentlich wichtig ist. Es soll wieder um Unterricht gehen. Um die Schüler. Um Inhalte.

Doch daran mag keiner glauben. Vielleicht, weil die Erfahrung zeigt, dass Politiker immer etwas reformieren wollen, damit sie gesehen werden. Vielleicht aber auch deshalb, weil noch längst nicht alles rund läuft in den 900 Schulen der Stadt.

Das fängt schon früh an: Berlin schult seine Kinder so jung ein wie kein anderes Bundesland, hat aber nie wissen wollen, ob das funktioniert. Die Grundschule ist eine Black Box. Offenbar war kein Euro übrig, um den Dingen mit wissenschaftlicher Expertise auf den Grund zu gehen. Vielleicht wollten die Politiker nicht schwarz auf weiß lesen, dass Personal fehlt oder Weiterbildungen für die Lehrer oder gar, dass es Kinder gibt, die in diesem Experiment nicht gut aufgehoben sind. Genau deshalb aber haben Berlins Grundschulen mit überforderten Kindern, miserablen Ergebnissen und frustrierten Lehrern zu kämpfen.

Es gibt aber auch Bereiche, in denen Fehler ohne wissenschaftliche Unterstützung auffallen, etwa beim Turboabitur. Denn an den Gymnasien gibt es überdurchschnittlich viele Familien, die sich zu wehren wissen. In der ganzen Republik haben sie gegen die Überlastung ihrer Kinder protestiert. Inzwischen wurde nachgebessert: mit Mensen für die langen Tage, besseren Stundenplänen, teilweise mit entschlackten Lehrplänen. Es geht also – auch ohne dass man die Zeitverkürzung bis zum Abitur zurückdrehen muss, wie es jetzt einige Länder versuchen.

Aber wie viel Kraft kosten diese Reformen der Reformen, wie viel Zeit geht verloren! Wie viel Verzweiflung der Betroffenen nimmt die Politik in Kauf, um sich mit scheinbar großen Taten zu schmücken? Das muss dem Berliner Senat zu denken geben, sofern er diese Art von Reform-Overkill, den „Schulkrieg“, nicht wiederholen will.

Vor allem steht schon die nächste Reform an: die Inklusion von Kindern mit Lernschwierigkeiten, eklatanten Verhaltensproblemen und Behinderungen, alle sollen zusammen lernen. Zwar hat Berlins neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres hier den Druck etwas herausgenommen und ein Jahr mehr Zeit für die Umsetzung der anspruchsvollen wie riskanten Neuerung gegeben. Aber die Gefahr, an dieser großen Herausforderung zu scheitern und den Schulen und Schülern ungeheuer zu schaden, ist damit nicht gebannt. Die Bildungsverwaltung muss bereit sein, ganz genau hinzusehen und keine Mühe und kein Geld scheuen, um den Schulen bei dieser schwierigen Aufgabe zu helfen. Aber das Geld ist knapp und die Lehrer sind reformmüde. Ein ausgewachsener Reform-Kater hat sich in ihren Gliedern festgesetzt. Vielleicht könnte eine Verschnaufpause für die Schulen ihn vertreiben. Würde Berlin sich beispielsweise entscheiden, das Einschulungsalter wieder heraufzusetzen, kämen nächstes Jahr ein paar tausend Kinder weniger in die Schule. Im Gegenzug würden Lehrer frei, die sich um die Inklusion kümmern könnten. Sie könnten auch in die Kitas gehen und den Erziehern in den Vorschulgruppen helfen. Das käme nicht nur den Kindern mit Sprachschwierigkeiten zugute. Das Risiko tendiert gegen null. So könnte Schulfrieden aussehen, der kein Stillstand ist.

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