Schulbeginn in Berlin : Wowereits grober Fehler

Die Ferien sind vorbei, die neue Reform muss sich beweisen. Berlin und insbesondere der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit muss endlich eine andere Einstellung gegenüber den Schulen der Hauptstadt einnehmen.

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Bildung muss wichtiger werden.
Bildung muss wichtiger werden.Foto: dpa

Heute beginnt ein neues Schuljahr, das niemand so schnell vergessen wird. Denn es bringt eine Zeitenwende: Zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt wird kein Siebtklässler mehr mit dem Stigma „Hauptschüler“ umgehen müssen. Und die neuen Sekundarschulen werden mehr Kindern denn je eine Ganztagsbetreuung bieten. Damit sind richtige Strukturen geschaffen. Doch: Wird auch alles getan, um der großen Reform zum Erfolg zu verhelfen?

Eines ist klar, in der Stadt gibt es keine wichtigere Aufgabe als diese: Jeden Tag 320 000 Kinder bestmöglich zu fördern. Denn sie sind die Zukunft der Stadt. Grundbedingung dafür sind genug Lehrer. Wenn Schule tatsächlich Chefsache wäre, hätte Bildungssenator Jürgen Zöllner nach vier Jahren im Amt das Problem der verspäteten Einstellungen längst gelöst. Stattdessen mussten Schulen aber auch in diesem Jahr hoffnungsvolle Junglehrer gehen lassen, weil sie ihnen nicht rechtzeitig Stellen anbieten konnten.

Wo also ist der Chef? Dem Regierenden Bürgermeister fällt zu dem Thema Schule noch immer nicht viel ein. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er „Schule“ unsexy findet und das Ressort für wenig prestigeträchtig hält. Ein grober Fehler. Und er sollte sich nicht täuschen. 2011 wird in Berlin gewählt, und auch Klaus Wowereit müsste wissen, dass ein Schulkonflikt wahlentscheidend sein kann. Nichts regt Eltern mehr auf als Unterrichtsausfall und falsche Versprechungen.

Dann muss Klaus Wowereit aber jetzt umsteuern. Und dabei geht es um mehr als um die nächste Wahl. Es geht darum, dass Berlin regierbar bleibt. Denn die tausenden jungen Leute, die Jahr für Jahr direkt aus den Schulen in die Arbeitsämter strömen, weil sie nicht ausbildungsfähig sind, sind auf Dauer nicht verkraftbar. Berlin wäre nicht wiederzuerkennen, wenn es bei der beängstigenden Zahl gescheiterter Schüler bliebe. Der soziale Absturz droht. Das muss Mahnung für jeden einzelnen Senator und an den Regierenden sein: In dieser Stadt gibt es kein wichtigeres Ressort als die Bildung. Alle anderen Ressorts und damit letzten Endes die ganze Stadt können nur glänzen, wenn es auch Menschen gibt, die all die Konzerthäuser, Theater, Polizeiautos und High-Tech-Operationssäle bezahlen. Das ist Sache des Chefs.

Berlin aber zieht gerade eine Generation groß, die zur Hälfte geprägt ist von Hartz IV und den Satellitenschüsseln auf den Balkonen der Eltern. Vier von zehn Berliner Kindern kommen aus Haushalten, die staatliche Hilfen beziehen. Jedes zweite hat mangels frühkindlicher Förderung Probleme mit der Körperkoordination bis hin zu Wahrnehmungsstörungen. Was aber wird in 20 Jahren sein, wenn diese Kinder wieder Kinder haben und außerdem Geld verdienen sollen? Berlin hat schon jetzt die meisten Problemfamilien und darum die schwierigsten Kinder.

Es könnte aber auch die besten Schulen haben. Warum eigentlich nicht? Die richtigen Strukturen gibt es jetzt. Das hat Zöllner durchgesetzt. Dazu gibt es noch immer viele Bildungsbürger, Unternehmen und Stiftungen, die Schulen unter die Arme greifen können, wie es nicht nur Ursula von der Leyen vorschwebt. Mit seiner Lesepateninitiative hat Berlin schon gezeigt, dass Bürger und Firmen Großes auf die Beine stellen können. Wenn es dann noch eine Chipkarte für kostenlose Nachhilfe gäbe, wäre Berlin auf einem guten Weg.

Private Initiative entlässt die Politik nicht aus der Verantwortung. Und die Bildung muss auch in den anderen Ressorts wichtig genommen werden. Jeder muss seinen Teil beitragen. Die Arbeitssenatorin ebenso wie die Senatorin für Stadtentwicklung und der Finanzsenator, indem er längst überfällige Einstellungen für Lehrer und Erzieher nicht blockiert. Die Aufgabe ist immens. Denn die Schüler von heute sind die Steuerzahler von morgen.

Das Gefühl für Schule muss sich ändern in Berlin. Weg vom Mitleidsthema, hin zum Stolz der Stadt. „Arm, aber sexy“ war gestern. Die Devise für morgen muss lauten: Bildung ist sexy. Schon Cyrano de Bergerac, der kluge Franzose mit der langen Nase, wusste: „Unverstand macht selbst die Schönheit hässlich“. Heute würde man sagen: unsexy.

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