Meinung : Schuld und Schulden

Kardinal Sterzinskys Beichte setzt Maßstäbe für Berlin

Martin Gehlen

Das hat es im katholischen Nachkriegsdeutschland noch nicht gegeben. Ein Kardinal tritt vor seine Gläubigen und bittet mit beschwörenden Worten um Entschuldigung, weil er die Geschicke seines Erzbistums und seiner Mitarbeiter ein Jahrzehnt lang in Richtung Abgrund gesteuert hat. 148 Millionen Euro Schulden hat das Bistum angehäuft. In eine solche gigantische Schuldenfalle hat sich noch nie ein Oberhirte hineinmanövriert. Jetzt wird eine Sanierung unumgänglich, nach der im Bistum nichts mehr so sein wird wie vorher.

Georg Sterzinsky hat einige Wochen gezögert, bis er sich zu dem dramatischen Schuldbekenntnis entschloss. Für ihn persönlich ist dieser Brief eine Befreiung und eine Entlastung des Gewissens. Und er rückt die Maßstäbe zurecht. Wie auch immer man die Sache dreht und wendet, in einer Diözese hat der Bischof das letzte Wort. Er kann Priester maßregeln, wenn sie mit protestantischen Pfarrern das Abendmahl feiern. Er versetzt Geistliche, wenn sie mit ihren Gemeindefinanzen nicht Haus halten. Und er kann Entscheidungen umstoßen, die Kirchengremien zuvor einstimmig gefällt haben. Wer solche Macht hat, muss sich auch der Frage nach seiner Verantwortung stellen, wenn Vorfälle in seinem Erzbistum dem Ansehen der gesamten deutschen Kirche schaden.

Mit dem Schuldbekenntnis ist es nicht getan. Die Krise des Erzbistums offenbart tiefer liegende Probleme. Durch die absolutistische Stellung des Bischofs steht die Partizipation aller anderen unter einem prinzipiellen Vorbehalt. Widerspruch oder kritische Anmerkungen geraten leicht in den Geruch der Illoyalität. Wird der Streit um den richtigen Weg und die richtige Entscheidung gar – wie in Berlin oft geschehen – durch ein zorniges Machtwort beendet, entsteht kollektiver Realitätsverlust. Die es besser wüssten, schweigen, und die anderen nicken.

Ebenso hierarchisch wie ein Bischof im eigenen Sprengel agieren kann, ist er selbst in eine weltweite Rangfolge eingespannt. Der Papst kann Bischöfe absetzen, aber ein Bischof kann sich nicht selbst absetzen. Anders als ein Politiker, der seine Kommune in den Finanzkollaps führt, oder ein Manager, dessen Betrieb Pleite geht, kann er nicht aus eigenem Ermessen zurücktreten. Er kann dem Papst zwar seinen Rücktritt anbieten. Doch der entscheidet. Abgesehen davon, dass dies lange dauern kann: Rom zieht diesen Weg im Fall Berlin nicht in Betracht. Die Kirche agiert im Bewusstsein von 2000 Jahren Geschichte. Sie denkt in langwelligeren Kategorien als Politik und Wirtschaft. Öffentliche Empörung unter Gläubigen über einen Oberhirten oder Unmut unter Bischofskollegen beeindruckt sie – wenn überhaupt – erst nach Jahren. In der Schweiz, in Österreich und den Niederlanden hielt Johannes Paul II. teilweise jahrzehntelang an Bischöfen fest, obwohl deren Diözesen in Streit und Selbstzerfleischung unterzugehen drohten.

Die Kirche tut sich traditionell schwer, eigene Fehler einzugestehen. Kardinal Sterzinsky ist da eine positive Ausnahme. Für Berlin hat er mit seinem Brief ein Zeichen gesetzt. Haben Eberhard Diepgen oder Klaus Landowsky je ein ähnliches Eingeständnis von Fehlern erwogen? Der Kardinal muss in die Zukunft blicken. Um sein Bistum zu sanieren, braucht er die Mithilfe und die Phantasie aller in der Kirche. Vor allem muss er das Vertrauen seiner Gemeinden zurückgewinnen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Viele Pfarrer und Gemeinden haben gewusst oder geahnt, dass sie seit Jahren über ihre Verhältnisse leben. Genauso wie ihr Erzbischof.

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