Schuldenkrise : Angela Merkopoulos’ Geheimnis

Harald Martenstein findet, dass die Deutschen nicht viel besser dran sind als die Griechen. Aber um das alles wirklich zu begreifen, braucht es vielleicht erst den ganz großen Crash - eine Art Finanz-Tschernobyl.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Ich glaube fast, ich bin für ein neues Tschernobyl. Seit Wochen lese ich, wie toll es die Griechen treiben. Ich habe gelesen, dass bei „Hellenic Petroleum“ 18 Monatsgehälter gezahlt werden und dass dort ein Nachtwächter im Jahr 72 000 Euro verdient. Bei der gleichen Firma bekommen angeblich Ledige ab dem 35. Geburtstag 15 Prozent Ledigenzuschlag, weil es als ungerecht empfunden wird, wenn nur Verheiratete Zuschlag bekommen. Griechische Posaunisten und Konditoren dürfen schon mit 50 Jahren in den Ruhestand gehen, obwohl sogar die spanischen Stierkämpfer bis 55 in die Arena müssen. Bei den Stierkämpfern würde mir die Rente ab 50 einleuchten.

In dem verbreiteten Griechen-Bashing, so berechtigt es im Einzelfall sein mag, lebt das alte deutsche Vorurteil gegen den vermeintlich faulen Südländer wieder auf. Machen wir es in Deutschland denn anders? Wir leben ebenfalls über unsere Verhältnisse. Wir stehen, noch, ein bisschen besser da als die Griechen. Aber auch unser Staat gibt seit Jahrzehnten mehr aus, als er einnimmt, der Bankrott ist nur eine Zeitfrage. Würden wir es ohne Protest akzeptieren, wenn der Staat seine Leistungen zusammenstreicht? Oder würden wir die Steuererhöhungen hinnehmen, die nötig wären, damit Einnahmen und Ausgaben sich im Gleichgewicht befinden?

Unser Verhältnis zur Natur hat sich radikal verändert. Die meisten Leute haben begriffen, dass man sich da nicht rücksichtslos bedienen darf, sonst ist irgendwann Schluss. Das Wörtlein „Nachhaltigkeit“ hat Karriere gemacht. Bei den Finanzen dagegen verhalten wir uns so wie früher die Chemiefabriken, die ihr Zeug einfach in die Luft gepustet haben, oder wie die Holzfabriken, die ohne Rücksicht auf Verluste die Regenwälder plattmachen – nach uns die Sintflut. Vielleicht brauchen wir wirklich eine Katastrophe, um zu begreifen, was das Stündlein geschlagen hat, eine Art Finanz-Tschernobyl, den ganz großen Crash. Bei den Atomkraftwerken und bei der Umwelt waren auch etliche Katastrophen notwendig. Ohne Katastrophe kapiert man es leider nicht.

Jetzt sollen also die Steuern gesenkt werden, in Deutschland, nur, um Stimmen für die Regierung und vor allem für die FDP zu kaufen. Trotz Verschuldung, trotz angeblicher Schuldenbremse, trotz Euro-Krise, Energiewende und obwohl die zur Zeit angenehme Wirtschaftslage in zwei Jahren garantiert wieder anders aussieht. Es ist Dummenfang. Sind wir dumm? Viele haben früher geglaubt, dass Umweltschutz die Wirtschaft ruiniert und dass Atomkraft sicher ist, jetzt glauben viele, dass Geld auf den Bäumen wächst. Ich will gar nicht auf Kanzlerin Merkopoulos herumhacken, sie vollstreckt immer nur den vermeintlichen Volkswillen, sie ist die größte Griechin von allen.

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