Schule in Berlin : Wo der Spaß aufhört

In Berlin-Kreuzberg zu leben, ist immer noch angesagt – aber nur ohne Schulkinder. Warum ist das so? Weil es in Berlin per Gesetz keine freie Schulwahl gibt.

Susanne Vieth-Entus

Es macht Spaß, in Kreuzberg zu leben. Es macht Spaß, in Kreuzberg einzukaufen. Und es macht großen Spaß, hier auszugehen. Daran ändert sich auch erst mal nichts, wenn man Kinder bekommt. Schließlich gibt es tolle Kinderläden. Alles bestens. Aber wehe, wenn die Schulpflicht droht. Dann ist der Spaß vorbei.

Jahr für Jahr dieselbe Sorge: Wohnt man im Einzugsbereich einer guten Schule? Oder hat man genug Geld für eine Privatschule? Und wenn ja: Nimmt sie einen? Das sind die drei Fragen, um die sich alles dreht. Richtig ernst wird es, wenn man alle drei Fragen verneinen muss. Dann kriecht die Panik hoch, und die Suche nach einer „Scheinadresse“ bei Freunden beginnt. Dann meldet man sich um und wartet ab. Im ungünstigsten Fall wird man erwischt. Dann kommt ein Brief vom Schulamt und da steht: Bitte bringen Sie Unterlagen bei, die belegen, dass Sie tatsächlich in … gemeldet sind. So steht man wieder ganz am Anfang.

Warum ist das so? Weil es in Berlin per Gesetz keine freie Schulwahl gibt. Die Bezirksämter sollen wohnortnahe Schulen „zuweisen“. Im Grunde keine schlechte Idee. Kleine Kinder sollen zu Fuß zur Schule gehen können, ihre Klassenkameraden in der Nähe haben.

Was aber, wenn die zugewiesene Schule fast ausschließlich aus Kindern besteht, die schlecht Deutsch sprechen? Was, wenn diese Kinder noch nie erlebt haben, dass morgens ein Elternteil zur Arbeit geht? Was, wenn die Klassenkameraden keinen eigenen Schreibtisch haben, aber dafür einen Fernseher, der rund um die Uhr läuft und sie beim Lernen stört? Eltern wollen so ein Umfeld nicht. Aber sie wollen auch nicht aus Kreuzberg weg. Man könnte ihnen helfen, indem man die Gründung freier Schulen nicht torpediert, wie es mit der evangelischen Schule passiert ist. Denn es ist doch allemal besser, wenn bildungsbewusste Eltern eine freie Schule in Kreuzberg wählen, als dass sie den Bezirk ganz verlassen.

Gleichzeitig muss man den öffentlichen Schulen helfen, attraktiver zu werden. Es darf nicht sein, dass gute Kiezschulen Mittelschichtsfamilien ablehnen müssen, nur weil diese nicht im Einzugsgebiet wohnen. Denn die Folge ist, dass auch noch die letzten akzeptierten Schulen „umkippen“. Wer kann das wollen? Niemand. Doch die Politik nimmt es hin, anstatt die entsprechenden Gesetze schnellstens zu ändern.

Mehr Freiheit bei der Schulwahl ist aber nur eine von mehreren Stellschrauben, die die Politik hat. Es gibt noch andere, wie etwa die Ausstattung mit Lehrern, Erziehern und guten Räumlichkeiten. Welche Eltern wollen ihre Kinder freiwillig in Schulen schicken, in den bis zu 28 Erst-, Zweit- und Drittklässler eine „Lerngruppe“ bilden; in denen sich am Nachmittag Hunderte Kinder mit einer Handvoll Erziehern in engen Räumen herumdrücken müssen?

Wen wundert es da, dass Eltern zu Deckadressen greifen, wenn sie keine 400 Euro für eine Privatschule aufbringen können? Höchstens Politiker, die keine Kinder im schulpflichtigen Alter haben. Oder woanders wohnen.

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