Schule : Jedem Kind eine Chance

Nach 35 Jahren Siechtum wird in Berlin die Hauptschule abgeschafft– endlich!

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Yes, Berlin can. Der rheinland-pfälzische Importsenator Jürgen Zöllner und seine rot-rote Koalition schaffen die Hauptschule ab. So, als wäre das nichts: diskutieren, beschließen, umsetzen – ruckzuck. Wie kann das so schnell gehen? Und kann das gut gehen? Die erste Frage ist leicht zu beantworten. Nicht nur wegen all der anderen Bundesländer, die längst ohne Hauptschule auskommen oder derartiges planen. Sondern auch, weil Rot-Rot in Berlin offene Türen einläuft.

Man muss sich das vorstellen: Bereits 1973 warnte die Bildungsverwaltung, die Hauptschule müsse sich „möglicherweise der Problematik einer Restschule stellen“. Seither wurde vieles versucht, diese Entwicklung zu verhindern – und genau das Gegenteil bewirkt, denn die Einführung der Gesamtschule ließ die Akzeptanz der Hauptschule weiter sinken, bis sie zuletzt in Berlin nur noch sieben Prozent der Schüler beherbergte.

Die Politik hat diesem Tod auf Raten zumeist unbeholfen zugesehen. Um ein Auffangbecken für gescheiterte Gesamt- und Realschulen zu behalten, verlängerte eine Regierung nach der anderen das Siechtum. Schon vor 35 Jahren blieb ein Drittel der Hauptschüler in Berlin ohne Abschluss. Es war dann die couragierte Senatorin Hanna-Renate Laurien, die die Hauptschulen durch kostspielige Reformen retten wollte, um sie nicht abschaffen zu müssen.

Rund 25 Jahre später zeigte aber der Rütli-Brief, dass alle Reformen vergebens sind, wenn man die schwierigsten Kinder einer Stadt zusammenzwingt und sie von all den Altersgenossen isoliert, die Positives beizusteuern hätten. Damit soll es nun vorbei sein. Im Sommer gehen die neuen Sekundarschulen an den Start, die aus den Haupt-, Real- und Gesamtschulen hervorgehen. Und schon fragen sich Eltern, wie sie ihre Kinder vor der bisherigen „Hauptschulklientel“ schützen können. Und schon wird vor einem Ansturm auf Gymnasien und Privatschulen gewarnt.

Nun also: Kann das gut gehen? Ja. Wenn der Senat zweierlei tut: informieren und investieren. Investieren bedeutet, die versprochenen Lehrer und Sozialarbeiter bereitstellen, gute Nachmittagsangebote organisieren, die notwendigen Umbauten für Mensen und Ganztagsräume beschleunigen.

Informieren heißt: Zeigen, dass die Sekundarschule allen Kindern etwas zu bieten hat. Denn es wird hier ja weiterhin die ganze Palette an Sprach-, Sport-, Wirtschafts- und IT-Profilen geben. Und wer nicht mitziehen kann oder will, der besucht eben Lerngruppen, die sich stärker auf die Praxis konzentrieren und regelmäßig in Betriebe gehen. IHK und Handwerkskammer haben Kooperationen zugesagt. Auch sie wollen nicht mehr, dass Kinder dadurch beschämt und entmutigt werden, dass man sie zu Hauptschülern abstempelt.

Gerade die Wirtschaft weiß, dass Menschen viel mehr erreichen können, wenn sie merken, dass man ihnen etwas zutraut. Und die Wirtschaft weiß auch, dass die rot-rote Reform den Gymnasien nicht schadet, auch wenn das die Opposition gern behauptet. Berlins einzigartige gymnasiale Vielfalt wird nicht angetastet. Die Hochbegabten bekommen ihre Chance, auch die Lateiner, die Altgriechen, die Mathegenies und die Kunstbesessenen. Und sie können ihren Enkeln mal erzählen, dass zu ihrer Zeit die Hauptschule abgeschafft wurde. Yes, we can.

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