Meinung : Schulen unter Naturschutz

„Brennpunktschulen befürchten, abgehängt zu werden“ vom 8. Januar

Schulqualitätsstudien aus Kanada, einem der Länder mit herausragenden Pisa-Ergebnissen, belegen, dass auch in Quartieren sozialer Benachteiligung gute Schulen mit Schülern, die gute Schulleistungen erzielen, existieren können. Gleiches ist in Berlin zu beobachten, wo in Brennpunktbezirken sich bei offensichtlich gleicher Problemlage eine Schule von ihren Nachbarschulen dramatisch durch bessere Leistungen und andere pädagogische Vorteile unterscheiden kann. Die Tatsache, dass es möglich ist, hochwertiges Lehren und Lernen auch unter widrigen Umständen zu verwirklichen, kann nur dort sichtbar werden, wo die Ergebnisse von Schulen öffentlich sichtbar gemacht werden. Die Lehrqualität von Schulen zu verheimlichen, kommt einer Herabsetzung von guten Schulen gleich. Das Motto „Dummheit für alle“ wird so zur Maxime schulorganisatorischen Handelns. Es liegen Forschungsergebnisse vor, wonach die Leistungsergebnisse von Schulen zu 30 Prozent den sozialen Umfeldbedingungen und zu 70 Prozent unterschiedlichen schulischen Verhältnissen zuzuschreiben sind. Wenn diese Ergebnisse richtig sind, haben Einzelschulen einen mehr als großen Spielraum, positiv wirksam zu sein. Schulen, die sich allein auf ihre schwierigen Kinder bzw. Jugendlichen aus schwierigem sozialem Milieu berufen, um ihre unzureichenden Leistungen zu erklären, machen nichts anderes, als ihre pädagogische Verantwortung zu verleugnen und ihre Spielräume für erfolgreiche Schul- und Unterrichtsqualität kleinzureden. Durch die Nichtveröffentlichung von Leistungsdaten wollen sie sich offensichtlich „unter Naturschutz stellen“. Der Herausforderung, Kinder und Jugendliche optimal zu fördern, können sie sich so bequem entziehen. Eine Schule, die bemüht ist, ein hohes Maß an Chancengerechtigkeit herzustellen, überprüft ständig die Wirksamkeit ihrer Arbeit. Aus der Analyse der Untersuchungsergebnisse zieht sie Schlussfolgerungen für Verbesserungen. Die öffentliche Diskussion über veröffentlichte Lern- und Leistungsergebnisse dürfte dafür eine nicht hinterlegbare Voraussetzung sein.

Dr. Hans-Jürgen Lambracht,

Berlin-Lichterfelde, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lisum

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