Meinung : Schulfach LER: Buchstabengläubig

Jost Müller-Neuhof

Wie hältst du es mit der Religion? Die bis heute gültige Antwort auf diese Gretchenfrage wurde, für den deutschen Staat, mit der Weimarer Reichsverfassung gefunden: Wir sind geschieden! Doch dann folgt das große Aber, an dem sich nicht nur der Streit um das Schulfach Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde (LER) entzündet. Denn als die Trennung 1919 vollzogen wurde, hat man die Kirchen mit so manchen quasi-hoheitlichen Privilegien abgefunden. Dazu gehört die Stellung als öffentlich-rechtliche Körperschaft, die sich die Zeugen Jehovas seit Jahren erkämpfen wollen, ebenso wie die Pflicht zum Angebot eines Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen.

Wenn man dies zum aktuellen staatsrechtlichen Maßstab macht, bleibt für LER in der Tat wenig Raum. Doch die Worte der Verfassungsartikel mögen gemeißelt erscheinen, ihr Sinn ist es nicht. Die starke Position der Kirchen in der Verfassung ist ein Erbe des katholischen Zentrums. Und der religiöse Horizont war damals ausschließlich christlich. Heute hat sich die Situation geändert, und zwar - anders als die LER-Gegner meinen - nicht nur im Osten.

Es ist gewiss richtig, dass die kirchenfeindliche SED-Diktatur den Säkularisierungsprozess beschleunigt hat. Aber er fand auch im Westen statt. Gleichzeitig muss sich der Religionsbegriff des Grundgesetzes mit den Folgen der Migration anfreunden, wie der Streit um Koran-Unterricht und Lehrerinnen mit Kopftüchern illustriert. Das Duett des neutralen Staates mit den christlichen Kirchen klingt deshalb nicht mehr so friedvoll wie früher. Andere wollen jetzt mitgeigen - zu Recht.

Gefordert ist vom Verfassungsgericht deshalb nicht gleich, dass es die Trennlinie zu den Religionen schärfer zieht. Ein zeitgemäßes Urteil im Einzelfall ist besser. Unabhängig von juristischen Details: Wenn die Richter das Brandenburger Modell LER bestehen lassen, zeigen sie sich mit einer weltlich gesteuerten Religionskunde grundsätzlich einverstanden. Es ist nur ärgerlich, dass die Initiative dazu nach Karlsruhe überstellt worden ist. Bei den Beitrittsverhandlungen war das Eisen offenbar zu heiß. Oder man ging stillschweigend davon aus, die neuen Länder würden sich schon daran gewöhnen. Verkannt hätten die Politiker dann, dass die Menschen im Osten vielleicht auf die rechtliche Position der Freiheit im Grundgesetz gewartet haben mögen, nicht jedoch unbedingt auf die rechtliche Position der Kirchen.

Schulunterricht muss Raum bieten für die Beschäftigung mit dem Glauben und Reflexion über Gemeinschaft und Ethik, sprich: für Beschäftigung mit sich selbst, seiner Herkunft, seiner Kultur. Das sollte nicht so sein, weil wir glauben, den Schülern damit Werte vermitteln zu können, sondern weil es ihnen sinnvolle Freude macht. Kirchen und Religionsgemeinschaften sind jedoch nicht die Einzigen, die dies vermögen. In der Schule kann man auch allerhand Interessantes über Politik erfahren, ohne dass für den Unterricht politische Parteien verantwortlich sind. In diesem Fall gilt: Gott sei Dank.

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