Schulreform : Berlin braucht gute Schulen in allen Bezirken

Der seit 2001 regierende rot-rote Senat hat trotz der Flut an Neuerungen das zentrale Problem nicht gelöst: dass Berlin zwar hervorragende Schulen hat, aber auch abgrundtief schlechte. Die Stadt braucht gute Schulen in allen Bezirken, sonst wird die soziale Entmischung in den Bezirken zunehmen.

von

Nach 27 Reformen, die alles umgekrempelt haben, diskutiert Berlin: ausgerechnet über strenge Lehrer. Der Reformeifer – von jahrgangsübergreifenden Grundschulklassen bis zum verkürzten Abitur – hat Eltern und Kinder verzweifeln lassen und Lehrer überfordert. Die Verunsicherung aller Beteiligten mag erklären, warum es nach dem progressiven Furor nun nahezu hysterisch darum geht, wie streng Lehrer sein dürfen und wie konsequent sie sein müssen, damit jedes Kind im Unterricht mitkommt.

Der Fall der Lehrerin Sarrazin ist ein Symptom dafür, wie der Unterricht zwischen Reformdruck, Elternwille und zuweilen vorhandener Fehleinschätzung der kindlichen Talente zum Kampffeld wird. Das Aus für die Hauptschulen und die neuen Sekundarschulen, auf denen Kinder wie am Gymnasium das Abitur machen können, ist richtig und hat das Lob der Wirtschaftsverbände gefunden. Doch trotz der vom Senat im Wahljahr verkündeten Reformpause wirken sich Reformen erst jetzt aus. So müssen Eltern etwa erleben, dass der Weg zur richtigen Oberschule zum Glücksspiel wird.

Es ist gut, dass bei den Aufnahmekriterien nicht mehr die Zahl der Bushaltestellen entscheidet, auf welche Schule ein Kind gehen darf. Es führt aber dazu, dass Familien in besseren Stadtvierteln mit den renommierten Schulen nicht mehr unter sich bleiben. Je besser die Oberschule, um so größer der Stress für Eltern und Kinder. Weil zudem Noten entscheiden und selbst Geschwister auf der Wunschschule nicht immer als Härtefall zählen, wächst der Druck auf Grundschullehrer, gute Zensuren zu geben. Der Ton wird rauer; auch gegen Lehrer, wenn die nicht tun, was Eltern vom Dienstleister Schule fordern. Notfalls wird beim Kampf um die knappe Ressource der Qualitätsschulen der Anwalt bemüht, falls das Kind die Niete beim Losverfahren für die Lieblingsschule zieht. Verlierer wird es trotzdem geben.

Der Widerstand wird heftiger werden, und er kommt nicht von Bildungsfernen, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Immer mehr Eltern erleben die Schulpolitik als Zumutung und Beschränkung ihrer Rechte. Zusätzliche Sprengsätze im Wahljahr sind Lehrermangel trotz geplanter Einstellungen und angeblich 3000 fehlende Plätze für Siebtklässler. Bildungssenator Jürgen Zöllner, der zu viel zu schnell verändern will und die brisante Mischung aus eingeschränktem Elternwillen und knappen Plätzen unterschätzt hat, muss sich auf Massenproteste einrichten.

Der seit 2001 regierende rot-rote Senat hat trotz der Flut an Neuerungen das zentrale Problem nicht gelöst: dass Berlin zwar hervorragende Schulen hat, die beim Pisa-Test an der Spitze liegen, aber auch abgrundtief schlechte. Bildungsgerechtigkeit herrscht nicht in Berlin. Die meisten Eltern aber wissen, dass Schulqualität entscheidend für die Zukunft ihres Kindes ist und drängen auf gute Schulen. Deswegen müssen Lehranstalten in sozial schwächeren Bezirken befürchten, ganz abgehängt zu werden. Vor allem, wenn auch noch die Ergebnisse von Vergleichstests und Schwänzerquoten veröffentlicht werden, wie es der Bildungssenator plant.

Mit den neuen Aufnahmekriterien hat der Senat den Verteilungskampf verschärft. Der wird nur nachlassen, wenn es in allen Bezirken genügend gute Schulen gibt, mit fachlichen Profilen, mit gezielter Förderung kindlicher Talente und speziellen Angeboten. Sonst werden Privatschulen weiter boomen und die soziale Entmischung in den Bezirken zunehmen. Nur Frau Sarrazin wird keinen Ärger mehr kriegen, weil Lehrer künftig auch wieder etwas strenger sein dürfen.

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben