Schulreform : Das Kainsmal verschwindet

Das Ende der Hauptschule: Anja Kühne über den Sinn und Unsinn des mehrgliedrigen Schulsystems.

Anja Kühne

Im Jahr 1812 schrieb Reinhold Bernhard Jachmann, Schuldirektor in Danzig, Schüler Kants und späterer preußischer Schulrat, ein wütendes Pamphlet gegen das mehrgliedrige Schulsystem: "Hinweg mit den verschiedenartigen Schulen für Stände und Berufsgeschäfte, die in einem Volk den Geist der Zwietracht nähren! Hinweg mit den sogenannten gelehrten und ungelehrten Schulen, mit den Gymnasien, höhern und niedern Bürgerschulen und wie sonst ihr Name seyn mag! Es ist nur Eine Menschheit! Es ist nur Eine deutsche Nation! Es muss auch nur Eine Nationalschule seyn!"

In der Bundesrepublik ist Jachmann bis heute nicht erhört worden. Das dreigliedrige Schulwesen, bestehend aus "Volksschule", einst gedacht für die "gemeinen Leute" und heute "Hauptschule" genannt, die lateinlose "Realschule" für die mittlere Bildung und dem Gymnasium für die höher Gebildeten, existiert noch immer. Dabei handelt es sich weltweit um eine Ausnahme, für deren Abschaffung sich Wilhelm von Humboldt so engagierte wie die amerikanischen Besatzer nach dem Krieg.

Doch das deutsche Schulsystem ist im Umbruch. Mehrere Länder im Westen (darunter das konservativ regierte Hamburg) sind dabei, ihre Hauptschulen aufzulösen und mit den Real- sowie den Gesamtschulen zusammenzuführen. Das Gymnasium bleibt bestehen. Aus einem mehrgliedrigen System wird ein zweigliedriges - ähnlich dem, das es in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung gibt. Auch Berlin bricht jetzt mit der Tradition: Haupt- und Realschulen werden abgeschafft. Gemeinsam mit den Gesamtschulen werden sie in einer neuen Schulform aufgehen, deren Namen der Senat noch nicht bekannt gegeben hat.

Brauchen Schüler keinen Schutz vor sozial auffälligen Hauptschülern?

Die große Reform jagt konservativ eingestellten Bürgern, aber auch besorgten Eltern und Lehrern Schauer den Rücken herunter. Muss man die übrigen Schüler nicht vor den häufiger sozial auffälligen Hauptschülern schützen? fragen sie. Und warum sollen Hauptschüler automatisch klüger werden, nur weil man über ihre Schule ein neues Etikett klebt?

In der Tat bringt eine neue Schulstruktur die leistungsschwachen "Risikoschüler" und die Jugendarbeitslosigkeit nicht einfach zum Verschwinden. Auch beweist etwa Bayern, dass Hauptschüler durchaus ein gutes Kompetenzniveau erreichen können. Und laut Pisa haben Realschüler im Schnitt ein höheres Leistungsniveau als Gesamtschüler.

Trotzdem fusionieren immer mehr Länder ihre Schulen. Weil immer weniger Kinder geboren werden, ist es in ländlichen Regionen kaum noch möglich, jeden Typ vorzuhalten. Zugleich wird die Hauptschule immer weniger angesteuert. Außerdem braucht Westdeutschland nach der Wende sein dreigliedriges System nicht mehr als ideologische Antwort auf die "Einheitsschule" der DDR.

Jürgen Zöllner macht genau das Richtige

Entscheidend sind aber pädagogische Erwägungen. In Berlin ist die Hauptschule zum Kainsmal ihrer Schüler geworden. Wer hier landet, weiß, dass er schon verloren hat. So wird Motivation vernichtet, gedeihen Scham und Wut. Ein solcher Schultyp ist entwürdigend und hat in dieser Gesellschaft nichts zu suchen.

Darum macht Bildungssenator Jürgen Zöllner genau das Richtige. Seine neue Schule kann gelingen, denn sie wird eine Ganztagsschule. Der größte Coup aber: Sie wird zum Abitur führen! Damit kann ein durch Pisa aufgedeckter Skandal geheilt werden: Kinder aus einer bildungsnahen Familie haben eine vier Mal höhere Chance aufs Gymnasium zu gehen als Schüler mit bildungsfernen Eltern - bei gleichen kognitiven Fähigkeiten. Für die bisherigen Realschüler ist die neue Schule damit überaus attraktiv.

Das Gymnasium lässt Zöllner zu Recht unangetastet. Er will bildungsbewusste Kreise nicht den Privatschulen zutreiben. Aber dem Gymnasium wächst eine Konkurrenz heran. Denn bislang tun sich Gymnasien schwer mit Schülern, deren Bildungsbiografien nicht stromlinienförmig verlaufen. Für Spätentwickler mit komplizierter Jugend wird der Weg zum Abi an der fusionierten Schule eine willkommene Alternative.

Die neue Schule wird ein Gewinn für Berlin - nicht nur für Hauptschüler.

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