Meinung : Schulter an Schulter

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Von Stephan-Andreas Casdorff

Manche dieser Tage gehen vorbei, ohne große Spuren zu hinterlassen. Wird das auch das Schicksal des 20. Juli 2002 sein? Die Frage, ob wieder barbusige Mädchen das Gelöbnis im Bendlerblock am Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler stören würden, fand im Vorfeld das meiste Interesse. Was für ein Maßstab.

Nun ist, historisch-politisch betrachtet, von weit reichender Bedeutung, was an diesem Wochenende geschehen ist: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sprach bei einem Rekrutengelöbnis ein ausländischer Politiker. Dazu war es auch noch Polens Präsident, 63 Jahre nach dem Überfall, der auf Deutsch die Leistung der Bundeswehr würdigte und sagte: „Heute dienen wir Schulter an Schulter dem Weltfrieden.“ Die deutsche Armee als eine des Friedens und der Freiheit, anerkannt von denen, die vor wenigen Jahrzehnten besonders unter Deutschen leiden mussten – nichts zeigt die im Wortsinn wundervolle Veränderung in Europa deutlicher. Verteidigungsminister Peter Struck wurde Zeuge; dieser Augenblick wird ihm mit Wucht die Bedeutung seines Amts vor Augen geführt haben, nur wenige Stunden nach seiner Ernennung.

Einmal ist ihm die künftige Ausrichtung und das Wohlergehen einer riesigen Organisation mit Tausenden von Menschen anvertraut. Was den gezielten Satz des Bundespräsidenten erklärt, er hoffe, dass die Bundeswehr und die deutsche Sicherheitspolitik bei Struck „in guten Händen“ seien. Zum zweiten bedarf jede Entscheidung zum Einsatz deutscher Soldaten sorgsamer Beurteilung der Lage und kluger, von Skepsis getragener, Abwägung. Trotz des wachsenden zeitlichen Abstands zu den zwei Weltkriegen. Denn es ist, wie Struck schon sagte: Nach Abermillionen von Toten kann nur der Dienst für den Frieden Rechtfertigung für die Existenz einer Armee sein. Und die Frage wird jedes Mal sein, in welcher Rolle der Soldat eingesetzt werden muss: als Kämpfer, als Verteidiger oder als Vermittler zwischen Streitenden. Wie klug, dass sich der neue Verteidigungsminister auch hierzu Rat von Vorgängern wie Helmut Schmidt und Volker Rühe einholen will – sind sie doch zwei Ahnen, die den Grad der Verpflichtung im Amt und Beanspruchung des Amtsinhabers aufzeigen.

Vor diesem Hintergrund sind auch die Proteste als Mahnung nicht störend gewesen. Strucks überlegter Satz, dass sie Ausdruck demokratischer Freiheit seien, offenbart den richtigen Maßstab. Ein außergewöhnlicher Tag – der nachwirken sollte.

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