Schutz der Artenvielfalt : Saufen für den Regenwald

Rettet die Tierarten? Das gilt nur für das Lamm - weil es schmeckt.

Henryk M. Broder

Diesen Montag hat in Bonn eine Konferenz der Vereinten Nationen zum Schutz und zur Nutzung der internationales Artenvielfalt begonnen. 5000 Teilnehmer aus 190 Staaten beraten, wie man bedrohte Spezies retten könnte: Pflanzen, Insekten, Reptilien, Vögel, Haustiere, Raubtiere, Kaltblüter, Warmblüter – also alle und alles von der Pusteblume bis zur Dattelpalme, von der Malariamücke bis zum Nashorn. Bis vor kurzem hat sich die Natur selbst verwaltet, die Evolution sorgte für die Koexistenz der Arten, und wenn eine verschwand, entwickelte sich eine neue. Ab und zu gab es auch einen großen Bang, dann waren die Dinosaurier plötzlich weg und die „Familie Feuerstein“ trat an ihre Stelle.

Seit aber der Mensch aktiv in den Lauf der Natur beziehungsweise das Werk Gottes eingreift, die Urwälder rodet und Autobahnen durch Sumpfgebiete baut, fühlt sich der Mensch auch verpflichtet, die Natur zu beschützen – indem er städtische „Umweltzonen“ einrichtet, die nur mit einer gebührenpflichtigen Plakette befahren werden dürfen, oder einen Ablasshandel mit Kohlendioxydzertifikaten erfindet.

Private Initiativen „adoptieren“ den Regenwald, die Biber oder die Fledermäuse. Die Brauerei Krombacher verspricht, dass für jeden verkauften Kasten Bier ein Quadratmeter Urwald in Zentralafrika gerettet wird. Wie das praktisch passiert, erfahren wir nicht, dafür versichert uns Günther Jauch jeden Abend mehrmals, dass bis jetzt 83 Millionen Quadratmeter Urwald gerettet wurden. Das klingt, als hätten Krombacher und Jauch inzwischen halb Afrika vor dem Öko-Gau bewahrt, rechnet man das aber in Quadratkilometer um, ergibt sich eine Fläche von der halben Größe Liechtensteins. Aber: Saufen für den Regenwald macht nicht nur Spaß, es macht aus jedem Alki einen Umweltaktivisten, der nicht einmal sein Sofa verlassen muss, um einen Beitrag zum Schutz der Natur zu leisten.

Die Teilnehmer der Bonner Konferenz zum Schutz und zur Nutzung der internationales Artenvielfalt leisten natürlich wesentlich mehr. Sie reisen aus der ganzen Welt an, verbrauchen dabei Tausende von Tonnen Treibstoff und sorgen allein damit, dass alle Hotelzimmer zwischen Koblenz und Köln ausgebucht sind. Geht man davon aus, dass die Anreise und der zweiwöchige Aufenthalt eines Konferenzteilnehmers mindestens 10 000 Euro kosten, macht das unterm Strich mindestens 50 Millionen Euro, die irgendjemand bezahlen muss – nämlich der Steuerzahler, der mit seinen Abgaben die internationalen Organisationen finanziert, an denen wiederum Tausende von NGOs hängen, die sich in den Krisengebieten der Welt gegenseitig auf die Füße treten. So ist eine virtuelle Industrie entstanden, die vor allem einem Zweck dient: sich selbst zu erhalten. Von diesem globalen ABM-Programm einmal abgesehen, muss man sich fragen: Warum sollen bedrohte Arten überhaupt erhalten werden?

Verdient es die Tsetsefliege auf die Liste der zu schützenden Spezies aufgenommen zu werden? Zugleich mit dem gemeinen Holzbock, einer Zeckenart, deren Stich Hirnhautentzündung verursacht und dem Pärchenegel, die Bilharziose verbreiten, eine schwere Krankheit, die tödlich enden kann. Würde der Welt etwas fehlen, wenn es die Feuerquallen nicht geben würde? Würde jemand die Ratten in der U-Bahn vermissen? Und haben Viren und Bakterien als Kleinstlebewesen auch ein Recht auf Überleben?

Gewiss, es gibt Arten, die geschützt werden müssen. Der deutsche Dackel zum Beispiel ist vom Aussterben bedroht, weil er als Hund aus der Mode gekommen ist. Aber dazu ist keine internationale Konferenz nötig, man müsste nur Dackelhalter von der Hundesteuer befreien. Auch das Osterlamm darf dem Anbau von Raps für Biodiesel nicht geopfert werden, denn es schmeckt vorzüglich, vor allem, wenn es in der Milch seiner Mutter zubereitet wird. Und Schildkröten, die bereits an den Rohstoffbörsen gehandelt werden, müssen ebenfalls geschützt werden, denn sie geben eine hervorragende Suppe. In diesem Sinne wünschen wir der Bonner Artenkonferenz einen guten Verlauf und den 5000 Teilnehmern zwei schöne Wochen an den Rheinauen.

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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