Meinung : Schutzmacht Deutschland

Wer die KSK-Truppe aus Afghanistan abziehen will, riskiert ein Scheitern der Mission

Clemens Wergin

Über den Afghanistan-Einsatz der KSK- Soldaten gab es in den letzten fünf Jahren eine stille Übereinkunft zwischen Politik, Öffentlichkeit und Bürgern. Sie lautete: Wir müssen das wohl machen, aber je weniger wir darüber wissen, desto besser. Es war ein Schweigeabkommen, das darauf basierte, dass Deutschland zwar mehr Verantwortung übernehmen muss in der Welt, die deutsche Öffentlichkeit sich aber schwer damit tut, die militärischen Aspekte dieses verstärkten Engagements zu akzeptieren.

Dieses Abkommen bricht jetzt wegen der Misshandlungsvorwürfe von Murat Kurnaz auf. Und schon melden sich Politiker von SPD (Hans-Peter Bartels) und Grünen (Claudia Roth), die ein Ende der KSK-Einsätze in Afghanistan verlangen. Nun gilt die Unschuldsvermutung auch für Elitesoldaten. Weshalb sich der Eindruck aufdrängt, dass hier ein Einsatz vorzeitig beendet werden soll, mit dem manche schon immer ein Problem hatten. Die „Lasst-uns-da-abhauen“-Rhetorik entspringt eher einer innenpolitischen Gefühligkeit als einer klaren Sicherheitsanalyse. Was in Afghanistan nottut und wie man verhindern kann, dass das Land erneut zum Trainingscamp für Al-Qaida-Terroristen wird, spielt keine Rolle.

Seitdem die Taliban ihre Gegenoffensive gestartet haben, kann man ohnehin immer öfter einen leicht hysterischen Ton in der Afghanistandebatte ausmachen – als seien die Islamisten schon wieder dabei, das ganze Land zu erobern. Nun ist die Lage sicherlich nicht so gut, wie man das in kühnen Träumen hoffen konnte. Allerdings ist sie auch bei weitem nicht so schlecht wie etwa im Irak.

Zur Befriedung Afghanistans wird die Nato mehr Entschlossenheit, mehr Truppen und längeres Engagement benötigen als ursprünglich gedacht. Es gibt aber bisher keinen Grund, anzunehmen, dass die Nato dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. Um erfolgreich zu sein, braucht sie das allseits als sehr professionell gelobte KSK und möglicherweise sogar ein verstärktes deutsches Engagement im Süden. Wer jetzt unter dem Vorwand der Kurnaz-Affäre ein Ende des KSK-Einsatzes fordert, gefährdet also nicht nur in einem kritischen Moment die vielleicht wichtigste Mission, die die Nato je übernommen hat, sondern er riskiert auch, dass die Investitionen des Westens in das Projekt Afghanistan vergeblich waren. Im Grunde gibt es nur zwei Szenarien für das geschundene Land: Entweder, die Aufbau- und Stabilisierungsanstrengungen sind erfolgreich, oder der Westen gibt Afghanistan auf – und wird es dann wohl alle fünf bis zehn Jahre erneut bombardieren müssen, um Al-Qaida- und Talibanstrukturen zu zerstören.

Um die Afghanen vor letzterem Szenario zu bewahren, werden auch deutsche Elitesoldaten gebraucht. Wer diese jetzt abziehen will, trägt weder zu unserer Sicherheit bei, noch hilft er den Afghanen bei der Gestaltung einer besseren Zukunft. Und es bringt das Land am Hindukusch ebenfalls nicht weiter, wenn das KSK von einzelnen Politikern in Gruppenhaft genommen wird für angebliche Verfehlungen einzelner Soldaten, die nicht einmal bewiesen sind.

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