Meinung : „Schwarz-Grün ist kein Schreckgespenst“

Roland Muschel

In der Stunde des Triumphs hat Boris Palmer an seinen 2004 verstorbenen Vater gedacht. „Es wäre schön gewesen, wenn er meine Wahl zum Oberbürgermeister von Tübingen hätte miterleben dürfen“, sagt der 34-Jährige. „Er hätte vielleicht gesagt, dass sein Sohn sein Lebenswerk vollendet hat.“ In gewisser Weise hat der junge Grünen-Politiker mit seinem überraschenden Erfolg nämlich genau das getan: Über 250 Mal hat der parteilose Senior, Helmut Palmer, bei Wahlen kandidiert. Sein größter Erfolg war eine Niederlage: In Schwäbisch Hall errang er 1974 bei der OB-Wahl sensationelle 41,4 Prozent – allein, gegen alle Parteien. Der Senior war ein rigoroser Einzelkämpfer, ein Bürgerrechtler von eigenen Gnaden, der landesweit bekannte „Rebell vom Remstal“, der gegen die Obrigkeit ankämpfte, auch unter Zuhilfenahme von Beleidigungen und Handgreiflichkeiten.

Helmut Palmer hat den Junior schon früh zur Politik gebracht. Als kleiner Junge hat Boris für Auftritte des Vaters fünf Mark Eintritt kassiert. Die Fähigkeit, auch schwere politische Kost leicht verdaulich zu vermitteln, hat der Sohn vom Vater abgeschaut. Das Kompromisslose nicht. Als Student hat sich der Mathematiker den Grünen angeschlossen, mit 28 Jahren den Sprung in den Landtag geschafft und sich dort einen Namen als Verkehrs- und Umweltexperte erarbeitet. In den Ministerien fürchten sie seine fachkundigen Anfragen genauso wie seine Kunst, die Antworten politisch auszuschlachten. Seit der Wiederwahl in den Landtag im Frühjahr ist Palmer stellvertretender Fraktionschef der Grünen.

Nun hat er im zweiten Anlauf eine Rathaustür aufgestoßen. Vor zwei Jahren war er in Stuttgart auf 21 Prozent gekommen – und empfahl den Amtsinhaber Wolfgang Schuster von der CDU für den zweiten Wahlgang. In Tübingen konnte Palmer nun auf Schützenhilfe der Schwarzen bauen: Ein Auftritt mit dem beliebten Stuttgarter Alt-OB und CDU-Politiker Manfred Rommel dürfte sein Renommee in bürgerlichen Kreisen befördert haben. Auch auf Landesebene zählt Palmer zu den vernehmbarsten Befürwortern einer Koalition mit der CDU: „Für uns ist Schwarz-Grün kein Schreckgespenst.“ Mit dem Amtsantritt in Tübingen will Palmer sein Landtagsmandat abgeben. Er hat bisher keine Verwaltungserfahrung. Sollte es 2011 zu einer schwarz-grünen Koalition auf Landesebene kommen, gilt er als aussichtsreicher Kandidat für einen Kabinettsposten.

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