Meinung : Schwarz, rot, grün

Die Ökologie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden – Deutschland muss aufpassen, seinen Spitzenplatz nicht zu verlieren

Reinhard Bütikofer

Grün ist rational“: So überschrieb im Handelsblatt Marcello Berni, Leiter des Ressorts Unternehmen und Märkte, kürzlich einen Kommentar. Gemeint war damit nicht Partei-Grün, sondern sozusagen Unternehmens-Grün. Umweltbewusstsein sei bei Unternehmen in der Vergangenheit oft vor allem Marketinginstrument gewesen, so Berni. Jetzt sei eine Kehrtwende nötig: „Nun ist es Zeit für eine neue Phase, in der Nachhaltigkeit explizit als Unternehmensziel verankert wird. Dafür sind keineswegs mehr Ökos auf Chefsesseln nötig, sondern die schlichte Erkenntnis, dass diese Denke künftig Voraussetzung guter Geschäfte sein wird.“ Entsprechend schlussfolgert der Kommentator: „Unternehmen, die bis heute leugnen, dass CO2 ein Treibhausgas ist – siehe Exxon oder Ford –, haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Sie werden dafür einen hohen Preis zahlen.“

Hat die deutsche Wirtschaft diese Zeichen der Zeit erkannt? Im letzten Jahr, kurz vor der Bundestagswahl, hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Klimaschutzpolitik gefordert und später das Ziel der schwarz-roten Koalitionsvereinbarung, an der führenden Rolle Deutschlands im Klimaschutz festzuhalten, negativ gewertet. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat mit seinen aktuellen „wirtschaftspolitischen Positionen“ nach eigener Einschätzung „eine umfassende Agenda für das Jahr 2006“ für mehr Wachstum und Beschäftigung vorgelegt. Von den 15 Top-Vorschlägen betraf jedoch keiner die Nachhaltigkeit. Kann man sagen, da seien die Zeichen der Zeit erkannt?

Dabei ist im Bereich der ökologischen Modernisierung mittlerweile viel geleistet worden, nicht zuletzt auch aufgrund von Anstößen von Bündnis 90/Die Grünen. Deutschland war 2003 und 2004 mit über 18 Prozent Weltmarktanteil „Exportweltmeister“ bei Umweltschutzgütern und -dienstleistungen, knapp vor den USA. Mit 3,3 Prozent aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Umweltschutzbereich lag Deutschland nach einer Studie der Institute DIW, NIW und ISI weit über dem OECD- und auch dem EU-Schnitt. Bei europäischen Patentanmeldungen im Umwelttechnikbereich nimmt die Bundesrepublik den Spitzenplatz ein.

Klimaschutz, Energie- und Ressourceneffizienz sind längst ökonomische Zukunftsthemen. In erneuerbare Energien könnten bei entsprechender Rahmensetzung in den nächsten Jahren in Deutschland allein 200 Milliarden Euro investiert werden – mit deutlichen Beschäftigungseffekten. Nach einer aktuellen Studie kann die Zahl von heute 1,5 Millionen Beschäftigten im Umweltbereich bis 2020 verdoppelt werden.

Käme irgend jemand in Deutschland in einem anderen Bereich, in dem wir international eine Spitzenstellung haben, auf die Idee, diese Stärke nicht weiter auszubauen? Im Gegenteil. Wie rational ist es dann, ausgerechnet bei ökologischen Innovationen den Fuß vom Gas zu nehmen? Das Tempo darf nicht gedrosselt werden.

Wir sind von Nachhaltigkeit und wirkungsvollem Klimaschutz immer noch meilenweit entfernt. Dabei gelangt die Wissenschaft in Bezug auf die Klimakatastrophe heute zu deutlich drastischeren Prognosen als die Wirtschaft und die Politik, grüne Politik oft eingeschlossen. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf sagt bis zum Jahr 2100 einen Anstieg des Meeresspiegels um bis zu einem Meter voraus. Das würde bedeuten, dass Venedig, St. Petersburg und Teile von New York in Gefahr kämen. Der Amerikaner James Lovelock sah, wie er schrieb, „in einigen Jahrzehnten“ London und Hamburg bedroht. Diejenigen, die weiter von der See entfernt wohnen, können sich bei Bedarf von den großen Rückversicherern sagen lassen, dass auch sie keinen Grund haben, die Dramatik der Entwicklung zu ignorieren: Regelmäßige Milliardenschäden durch immer zerstörerische Klimaextreme werden überall verheerende Konsequenzen haben.

Wenig Illusionen macht sich mittlerweile auch die Bevölkerung: 69 Prozent der Deutschen sind nach einer repräsentativen Umfrage von Emnid überzeugt, dass der Welt eine Klimakatastrophe bevorsteht. Nur noch 30 Prozent meinen, diese Katastrophe lasse sich vermeiden.

Ob das Klima wirklich ganz außer Rand und Band gerät oder ob es vielleicht noch gelingt, die Klimaerwärmung auf plus zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, das wird nicht in ferner Zukunft entschieden. Dafür werden jetzt, in den unmittelbar vor uns liegenden Jahren, die Weichen gestellt. Diese Weichenstellung kann die Politik nicht alleine vornehmen. Hier ist vor allem auch die Wirtschaft gefordert. Die CO2-Emissionen zum Beispiel bis 2050 um 80 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu verringern, wie es nötig wäre, das wird nur bei aktivem, zielgerichteten Mitwirken der Wirtschaft möglich sein.

Gerade jetzt entdecken wichtige Schwellenländer wie China die Notwendigkeit einer Nachhaltigkeitsstrategie. Mit den phänomenalen Wachstumsraten der letzten 20 Jahre wurde die gleichzeitig angerichtete dramatische Umweltzerstörung überdeckt. Die chinesische Regierung hat vor kurzem ein Dokument veröffentlicht, in dem sie die jährlich verursachten Umweltschäden auf 200 Milliarden US-Dollar taxiert – genau so viel wie das jährliche Wachstum. Die chinesische Führung ist ob dieser Fakten und ihrer intern außerordentlich destabilisierenden Wirkung höchst alarmiert. Die Tatsache, dass solche beunruhigenden Daten überhaupt publiziert wurden, spricht dafür, dass die chinesische Führung um den ökonomischen, sozialen und ökologischen Sprengstoff dieser Probleme weiß.

Viele Chinesen, die in Führungsverantwortung stehen, richten ihren Blick auf Deutschland als möglichen Partner für einen Übergang zu einem anderen, einem qualitativen Wachstumsmodell. Wenn Deutschland dieser Partner sein will, müssen wir deutlich mehr zu bieten haben als andere. Gegenwärtig ist das so. Wer aber das Tempo drosselt, würde eine gigantische Chance verpassen. So schlicht, so anspruchsvoll.

Der bekannte Kolumnist der New York Times, Thomas L. Friedman, schrieb kürzlich unter dem Titel „Wer wird am schnellsten grün?“ gerade mit Blick auf China: „Das Industrieland, das mit den besten Technologien am schnellsten besonders grün wird – das ist das Land, das das 21. Jahrhundert anführen wird.“ Wir könnten das sein, nicht bloß wir Deutsche, sondern wir Europäer. Voraussetzung dafür wäre, dass unsere wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Eliten an einem Strang ziehen und eine langfristig angelegte Nachhaltigkeitsstrategie formulieren - und diese dann auch ernst nehmen und umsetzen.

Das wird allerdings nur möglich sein, wenn die Wirtschaft die Weichen mit stellt. Indem der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten viel mehr Einfluss zugewachsen ist, ist ihr auch zusätzliche Verantwortung zugewachsen. Allzu oft wird aus den Reihen der Wirtschaft noch der Eindruck erweckt, man sei weiterhin die gute alte Lobby, die ihre Anliegen artikuliert und darauf hofft oder einklagt, dass die Politik diese in den Interessenausgleich einbezieht. Erst jüngst kam diese Haltung wieder zum Ausdruck in der erfolgreichen Aushebelung des Emissionshandels, der damit zu einem stumpfen Instrument für einen wirkungsvollen Klimaschutz wird. Dieser traditionelle Gestus entspricht den Verhältnissen immer weniger. Tatsächlich müssen die institutionalisierte Politik sowie Wirtschaft und Wissenschaft zu Koproduzenten der gesellschaftlichen Veränderungen werden. Längst ist die Wirtschaft nicht mehr vor allem Klient der Politik, sie hat Mitverantwortung für das Ganze. Das lässt sich an einem Bereich sehr deutlich machen, dem für nachhaltiges Wirtschaften große Wichtigkeit zukommt: am Thema der Energie- und Ressourceneffizienz.

Die Energieimportabhängigkeit der Europäischen Union steigt dramatisch. Ohne größere Veränderungen wird die EU in den nächsten 20 bis 30 Jahren etwa 70 Prozent der benötigten Energie importieren, während es heute noch 50 Prozent sind. Das ist angesichts steigender Öl- und Gaspreise keine angenehme Aussicht, zumal der hohe Verbrauch fossiler Rohstoffe den schon angesprochenen Klimawandel massiv antreibt. Das alles ist aber kein Verhängnis, dem wir uns hilflos ausgeliefert sehen müssten. Es gibt eine Chance – und die heißt: Wir müssen Europas Energie- und Ressourceneffizienz rasant erhöhen. Dadurch würde auch das Risiko reduziert, dass aus Ressourcenknappheit künftige Kriege und andere Bedrohungen unserer Sicherheit erwachsen.

Allerdings müssen wir aufpassen, dass Europa nicht sogar Vorsprünge verliert. Diese Gefahr droht durchaus. China zum Beispiel hat unter dem Druck schlimmer Smog-Erfahrungen verbindliche Energie-Effizienz-Standards für neue Autos beschlossen. In Europa dagegen verlässt man sich immer noch auf freiwillige Vereinbarungen, deren Erfüllung ungewiss bleibt. Wenn wir unsere Autofirmen nicht für Öko-Innovationen gewinnen oder zu diesen treiben, werden wieder einmal Wettbewerbschancen auf den hoch umkämpften Märkten von morgen verspielt – mit absehbaren Folgen für die betroffenen Arbeitsplätze.

Der Chef einer großen deutschen Autofirma hat dieses Jahr beim Autosalon in Genf eine Rede über Nachhaltigkeit und Mobilität gehalten, die laut FAZ angeblich „über weite Strecken einem jeden Greenpeace-Aktivisten gut zu Gesicht gestanden hätte“. Die FAZ täuscht sich da. Tatsächlich hatte der Auto-Manager ein 3,9-Liter-Auto angekündigt. Greenpeace aber hatte ein 3-Liter-Auto bereits vor 10 Jahren vorgestellt. Toyota-Chef Katsuaki Watanabe ist da schon weiter. Er hat die Vision von einem Auto, das von London bis Istanbul mit einer einzigen Tankfüllung fährt. Ehrgeizige Umweltpolitik, Innovationspolitik und Industriepolitik lassen sich schon jetzt und auch in Zukunft nicht mehr voneinander trennen. Es gibt bereits einige Unternehmen, deren Erfolg sich eben daraus speist, dass sie solche Visionen ernst genommen haben.

Wirtschaftsakteure müssen auf zukunftsträchtige Strategien setzen. Wer mit den Produkten von morgen schon heute auf dem Markt ist, wer zur mutigen Avantgarde zählt, hat im globalen Wettbewerb die Nase vorn. Die Strategie Grün verbindet Ökologie und Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Sie ist der beste Weg, sich wirtschaftlich zu behaupten – und das Klima wird dabei auch noch besser. Grün ist rational.

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