Meinung : Schwarzbrot-Stullen in Tupperdosen bringen mich zum Heulen

Pascale Hugues, Le Point

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Stellen Sie sich vor, ein Arbeitgeber ließe seine Angestellten um acht Uhr morgens antreten und sie ohne Mittagspause durchschuften. Die Gewerkschaften würden aufschreien! Ausbeutung! Das deutsche Arbeitsleben sieht zwischen 12 und 13 Uhr eine warme, subventionierte Mahlzeit in der Kantine vor.

Die kleinsten Bürger Berlins dagegen kommen um acht Uhr morgens mit schlafverkrusteten Augen zur Schule (zum Förderunterricht sogar schon um halb acht!). Fünftklässler bleiben bis 14.15 Uhr dort, Gymnasiasten sogar noch länger – mit leerem Magen und vollem Kopf. Der Schulsenator dieser Stadt hat offenbar noch nie den weisen Ratschlag von Jean de la Fontaine gehört: „Ein hungriger Bauch hat kein Ohr.“ Ein Kind mit leerem Magen ist unfähig, sich zu konzentrieren.

Ich will hier keinesfalls als Apologetin des französischen Schulsystems auftreten – das überzogene Lernpensum dort würde ich als Allererste kritisieren. Aber es gibt in Frankreich ein heiliges Ritual, das wir bislang nicht über Bord geworfen haben: das Mittagessen. Die französische Schule beginnt um halb neun und endet um halb eins. Dann gehen die Kinder in der Kantine essen. Anschließend besuchen sie von zwei bis halb fünf ihre Nachmittagskurse. Das nennt man Ganztagsschule – jenes magische Konzept, in dessen Namen der Berliner Senat seit dem vergangenen Jahr in den meisten Schulen kostenpflichtige und überfüllte Horte in improvisierten Räumlichkeiten hat einrichten lassen. Die kleinen Franzosen wissen aber, dass zu einer ausgewogenen Mahlzeit Salat, Gemüse und Dessert gehören. Ein simpler Milchreis, ein Schokoriegel oder ein Teller Fritten mit Ketchup sind keine richtige Mahlzeit. „Aber die kriegen doch ihre Stullen!“, entgegnete mir einmal eine irritierte Mutter, als ich beim Elternabend auf das Ernährungsproblem hinwies. Ich will nicht arrogant klingen, aber der Anblick von Schwarzbrot-Wurststullen in Tupperdosen bringt mich jedes Mal zum Heulen.

Gut, es bringt nichts, jene glücklicheren Zeiten zu verklären, als man zum Mittagessen nach Hause ging. Die Familien versammelten sich rund um den Mittagstisch, man tauschte die Sorgen des Tages aus, die einem in der Schule oder im Büro zu schaffen machten. Die Eltern tranken nach dem Essen einen Kaffee, die Kinder hatten noch ein bisschen Zeit zum Spielen. Heute ist dieses strukturgebende Ideal in manchen Familien wenigstens abends noch intakt. „Wir kochen am Wochenende“, höre ich immer wieder von Berliner Familien – als sei eine warme Mahlzeit ein häuslicher Luxus. Gerade weil beide Eltern arbeiten und das Leben zum Schlingerkurs geworden ist, muss wenigstens die Schule eine richtige Mahlzeit anbieten, in einer hellen, geräumigen Kantine.

Diese Kolumne ist eine Hommage an eine verschwindende Institution: das Mittagessen. In Frankreich, in Italien liebe ich diese Auszeit inmitten des Tages: Die Läden schließen, die Straßen sind tot, die Büros verwaist – aber die Restaurants sind voller Menschen, voller Gespräche. In Paris ist es zwecklos, zwischen 13 und 15 Uhr jemanden am Telefon zu verlangen. „Die sind essen gegangen“, wird Ihnen die Vermittlerin sagen. Und Mittagessen, das bedeutet in Frankreich eine Vorspeise, ein Hauptgericht, ein Viertel Rotwein und einen doppelten Espresso. Beim Mittagessen werden Geschäfte und Politik gemacht. In den ersten Monaten meines Lebens in Deutschland habe ich, wie das in Frankreich üblich ist, die Politiker, die ich interviewen musste, immer gefragt, ob wir uns zum Mittagessen treffen könnten. Meist starrten sie mich fassungslos an, als hätte ich sie zu einer Flasche Saint Emilion in mein Hotelzimmer eingeladen. Allein Peter Glotz sagte eines Tages zu. Das war in Bonn. Bei einem exzellenten Italiener. Glotz bombardierte mich mit hehren sozialdemokratischen Prinzipien, ohne die Nase von seinem Nudelteller zu heben. Und ich fand mich 20 Minuten später atemlos und mit Magenkrämpfen auf der Straße wieder, weil ich versucht hatte, seine in schwindelerregendem Tempo heruntergeleierten Phrasen mitzuschreiben. Seitdem bevorzuge ich effektive Frage-Antwort-Sitzungen in seelenlosen Büros.

Selbst in Frankreich ist das Mittagessen bedroht. Immer öfter lassen sich die Leute einfach einen Salat ins Büro liefern. Man isst und starrt gleichzeitig auf seinen Computerbildschirm. Denn Mittagessen raubt Zeit. Mittagessen erfordert, dass man in eine andere Welt eintaucht: eine Welt des Genusses, der Unterhaltung und der Kontemplation. Ich will hier nicht vor dem Untergang eines der fundamentalen Elemente unserer Zivilisation warnen – aber der Vormarsch der Stulle beunruhigt mich. „Ich lebe von guter Suppe, nicht von schöner Sprache“, sagt Chrysale, der gereizte Ehemann in Molières „Die gelehrten Frauen“, als seine prätentiöse Gattin die Köchin entlässt, unter dem Vorwand, dass sie fehlerhaft Französisch spricht. Ich schlage vor, diese bodenständige Weisheit in die Dachgiebel der Berliner Schulen zu meißeln.

Übersetzt von Jens Mühling.

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