Meinung : Schwarzes Loch Afghanistan

Gabriele Venzky

Seit dreieinhalb Wochen wird gebombt. Aber was ist erreicht worden? Von entscheidenden Fortschritten sprechen die Strategen. Die Luftwaffe der Taliban sei zerstört worden, heißt es, als ob man deren Schrott so nennen konnte, desgleichen ihre Kommandozentralen, was ein wenig hochtrabend klingt für Berghöhlen und menschenleere Trainingslager des Osama bin Laden. Tag für Tag werden uns brennende Treibstofflager gezeigt, wo doch Benzin angeblich nur noch kanisterweise auf unzugänglichen Schmuggelwegen ins Land kommt. Und nun die Spezialbomben, die das Höhlenlabyrinth zerstören sollen, in denen sich der gesuchte Top-Terrorist und der Taliban-Führer Mullah Omar verstecken.

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Themenschwerpunkte: Krieg - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Die Welt weiß genauso wenig über diesen Krieg wie damals, als CNN Krieg zum ersten Mal live der Öffentlichkeit präsentierte, im Irak. Da zeigte man, wie Saddam Husseins Raketenstellungen präzise getroffen wurden, und nachher stellte sich heraus, dass man nicht einmal bei einer einzigen sicher war. Oder im Kosovo, wo angeblich mehr Panzer vernichtet wurden, als Slobodan Milosevic überhaupt besaß, und nachher waren es ganze 32. Die Welt weiß wenig über diesen Krieg in Afghanistan. Aber sie weiß, dass es nicht gut läuft dort.

Die zu neuem Ansehen gelangte Nordallianz, eine Bande von macht- und geldgierigen Kriminellen, die Afghanistan schon einmal ins Chaos gestürzt hat, hat nicht einmal das nördliche Mazar-i-Sharif eingenommen, was wenigstens für Hunderttausende Flüchtlinge das Überleben sichern würde. Ihre einzelnen Gruppen streiten sich jetzt schon um die besten Stücke der zu erwartenden Beute, sie schaffen Geld und Waffen für spätere Zeiten beiseite.

Bushs Bauchschmerzen

Und sie lauschen dem berüchtigten Ex-Genossen Gulbuddin Hekmatyar, der zu einem gemeinsamen Kampf mit den Taliban gegen die Ungläubigen aufruft. Auszuschließen ist nicht, dass der religiöse Eiferer damit Erfolg hat, denn die Opposition ist genauso fundamentalistisch und anti-demokratisch wie die Taliban. Auch sie steckt ihre Frauen unter das Krähengewand der Burka und entwürdigt sie.

Kein Wunder, dass George Bush bei solchen Verbündeten Bauchschmerzen bekam und verhindern wollte, dass sie als erste in Kabul einmarschieren. Doch das hat sich jetzt geändert. Der Fastenmonat Ramadan und der harte Winter stehen vor der Tür, und in Washington ist man sich bewusst, dass militärische Erfolge sinnlos sind, wenn parallel dazu nicht ein politischer Prozess für die Nach-Taliban-Zeit läuft.

So hat weltweit hektische diplomatische Aktivität eingesetzt, an der sich auch die Deutschen intensiv beteiligen. Alle sind auf der Suche nach einer Schimäre, die da heißt: "Gewaltfreie Etablierung einer demokratischen Übergangsregierung in Kabul auf breiter Basis, in der die Interessen aller Völker und Stämme berücksichtigt werden." Das entspricht unseren Vorstellungen, ist aber naiv. Ja: unmöglich. Gewaltlosigkeit, Demokratie und Gleichberechtigung kommen im archaischen Wertesystem der Afghanen nicht vor.

Von den drei Plänen für ein neues Afghanistan, die auf dem Tisch liegen, taugt der eine so wenig wie der andere. Pakistan wünscht eine Islamabad-hörige neue Regierung unter Einschluss "gemäßigter" Taliban - als ob es so etwas unter den Radikalislamisten gäbe. Wer glaubt ernstlich, der mächtige pakistanische Geheimdienst ISI, der mit Herzblut die Taliban aufgebaut hat, werde nun Jagd auf seine Schützlinge machen? Woher kommt wohl der nicht enden wollende Nachschub an Treibstoff und Waffen für die Taliban, und wer hat letzte Woche den Trumpf der CIA, den Kommandanten Abdul Haq, der im Süden eine zweite Front aufbauen sollte, an die Taliban verraten?

Plan zwei setzt große Hoffnungen auf den Ex-König Zahir Shah als einigende Symbolfigur zwischen dem Mehrheitsvolk der Paschtunen, zu denen auch die Taliban gehören, und den ethnischen Minderheiten, die jetzt in der Nordallianz kämpfen. Doch der Mann ist 87 und seit 30 Jahren außer Landes. Ihn kennen nur noch die Uralten, und ob sie ihn respektieren, ist fraglich. Zudem: Die im Exil lebende Elite des Landes, auf deren Wissen beim Wiederaufbau nicht verzichtet werden kann, ist ebenso zerstritten wie der im Lande zurückgebliebene ungebildete Rest.

Toleranz gilt als Schwäche

Plan drei, unter dem Schirm der Vereinten Nationen eine neue Regierung zurechtzuzimmern, mag für westliche Idealisten attraktiv sein. Aber auch er ist unrealistisch. Die Uno ist schwach, die Kriegsherren, denen eine solche Regierung die Beute nehmen würde, sind stark. Ohne eine mächtige Streitmacht, deren Finanzierung auf sehr lange Zeit gesichert sein müsste, wäre die neue Reißbrett-Regierung nicht zu halten. Kambodscha und Somalia sind abschreckende Beispiele.

Afghanistan ist ein schwarzes Loch, das alles verschlingt. Besser man lässt die Hände davon.

Doch eben das ist das Dilemma des Westens. Wenn die Zivilisation Bestand haben soll, müssen der Terrorismus, wie ihn Osama bin Laden symbolisiert, und seine Basis, die ihm Taliban-Afghanistan gewährt, zerstört werden. Im Orient spielt das Prinzip der Rache eine große Rolle. Bleibt sie aus, dann lacht man über den "Weichling", der nicht oder nur zögernd zurückschlägt.

Nach diesem Muster versuchen die Taliban jetzt die amerikanische Regierung lächerlich zu machen. Und so wird es die gesamte islamische Welt sehen, wenn der lange Krieg, auf den das Pentagon jetzt Stück für Stück die Öffentlichkeit vorbereitet, noch sehr lange dauert, ohne zu Erfolgen im Sinne der "Rache" zu führen.

Für unsere Werte wie Toleranz und Rücksichtnahme (etwa auf den Ramadan) werden dort keine Punkte gut geschrieben. Eher zerfällt die Anti-Terror-Koalition. Das mag zynisch klingen. Aber es ist an der Zeit, sich auf die Realitäten einzustellen.

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