Schweinegrippe : Alarmismus und Verdrängung

Impfen lassen oder nicht? Warum wir auf die Schweinegrippe reflexhaft reagieren. Fest steht aber: Der erwünschte Effekt, dem Virus den Boden zur Ausbreitung zu entziehen, kann nur erreicht werden, wenn sich genug Menschen impfen lassen.

Tissy Bruns

Soll ich hingehen oder nicht? Die zweite Welle der Schweinegrippe rollt, Verunsicherung macht sich breit. Warum stehen die Menschen in Düsseldorf schon Schlange, während in Berlin erst ein paar hundert Arztpraxen ihre Bereitschaft zur Impfaktion erklärt haben, statt der rund 2000, die aus Expertensicht nötig sind?

Tja, die Experten! Wüsste man doch nur, an welchen man sich halten kann. Diverse Institute, Ärzte, Fachleute reden mit – und im Streit über Impfstoffe, Gefahren und Empfehlungen kann man kaum noch erkennen, worin sie sich einig sind. Und selbst wenn! Entscheiden muss doch jeder und jede für sich selbst. Oder nicht?

Die Schwierigkeiten im Umgang mit der Schweinegrippe liegen nicht nur in der Natur des Virus H1N1, sondern weit mehr in der Verfassung einer ebenso sicherheitsgewohnten wie individualisierten Gesellschaft. Zwei Seelen kämpfen in unserer Brust. Sie sind verantwortlich für ein Kommunikationsdesaster um die Impfung, die unweigerlich ihren Zweck verfehlt, wenn nicht eine hinreichende Zahl von Menschen hingeht. Wie groß die sein muss, lässt sich so wenig exakt bestimmen wie die Gefahren einer Erkrankung oder der Impfung selbst.

Fest steht aber: Der erwünschte Effekt, dem Virus den Boden zur Ausbreitung zu entziehen, kann nur erreicht werden, wenn sich genug Menschen impfen lassen. Ausbreitung heißt in diesem Fall: erstens auch auf vorerkrankte Menschen, die das Risiko des tödlichen Ausgangs der Krankheit tragen (man könnte sagen: die Schwächeren). Und zweitens zu einer größeren Wahrscheinlichkeit einer Mutation des Virus zu einem gefährlicheren Krankheitserreger. Die Schweinegrippe verlangt also von uns, dass jeder und jede mehr abwägt als das persönliche Risiko, ein paar Fiebertage im Bett zu verbringen.

Wie bei Sars oder BSE hat sich zunächst ein gesellschaftliches Muster wiederholt. Sicherheitsverwöhnt, wie wir sind, begegnen wir unbekannten Gefahren mit einer Kombination aus Alarmismus und Verdrängung, die manchmal wellenförmig aufeinander folgen. Erst aufgeregtes Palaver, dann die erleichterte Erkenntnis, dass es so schlimm ja doch nicht ist.

Bei der Schweinegrippe hat sich diese Sicherheitsillusion von Anfang an mit einer anderen, der Entscheidungsillusion verbunden: Im Pandemiepalaver musste jeder Experte so laut seine Meinung verkünden, dass die Nichtexperten allen Grund haben, ihr persönliches Risiko in den Mittelpunkt ihrer jeweiligen Entscheidung zu stellen. Der Krankheitsverlauf wird als harmlos empfunden, die Pandemie ihren Schrecken eingebüßt. Höhere Autoritäten nehmen wir ohnehin ungern ernst, und erst recht nicht,wenn wir uns halbwegs auf der sicheren Seite fühlen.

Das ist ein problematischer Zustand, fast eine Falle. Denn Sicherheit und Humanität unserer Gesellschaft beruhen auch darauf, dass wir uns aus freien Stücken an Entscheidungen halten, die wir nicht selbst getroffen haben. Schutzimpfungen, Läusealarm in der Kita, Schulpflicht – wir fügen uns freiwillig, weil jeder Einzelne auf den Gemeinschaftsgeist des anderen angewiesen ist. Diesen Geist fordert das Virus H1N1 heraus.

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