Meinung : Sebnitz: Im Zweifel für den Zweifel

Gerd Appenzeller

Wenn Staatsanwaltschaften Ermittlungen einstellen, geschieht das meist völlig unspektakulär. In der Regel erfahren nur die Betroffenen davon. Und die Medien berichten über die Einleitung von Ermittlungen auch eher größer als über deren stilles Ende, wenn sich der Verdacht auf eine strafbare Handlung als unbegründet herausgestellt hat. Um einen besonders spektakulären Fall dieser Art geht es hier. Der Anstand gebietet dem Journalisten, bei der Nachricht inne zu halten, dass die Staatsanwaltschaft Dresden davon ausgeht, dass der sechsjährige Joseph Kantelberg-Abdulla im Sommer 1997 im Schwimmbad von Sebnitz in Folge eines Unfalls ertrunken ist und nicht etwa Opfer eines Verbrechens wurde. Der Tagesspiegel hat gestern darüber berichtet.

Sebnitz - der Name dieser sächsischen Kleinstadt war im November 2000 über Nacht zum Menetekel für das Wiederaufleben des Bösen in Deutschland geworden. "Neonazis ertränken Kind. Am helllichten Tag im Schwimmbad. Keiner half. Und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen." So stand es als Titel über einem Text in der Bild-Zeitung. Alle Blätter, auch die ganz seriösen, griffen den unglaublich scheinenden und angeblich durch Fahndungspannen wochenlang verschleppten Vorgang auf. Schließlich hatte, das löste den Bild-Bericht aus, ein Gericht Haftbefehle gegen drei Jugendliche wegen des Verdachts des Totschlags erlassen. Kein deutsches Gericht tut so etwas leichtfertig, entschuldigten später die Redaktionen ihre Vorverurteilung, die Stadt sei ein Hort des Rechtsextremismus und des Fremdenhasses.

Und sprach nicht auch alles dafür, dass es so, genauso furchtbar geschehen war? Der kleine Abdullah hat einen aus dem Ausland stammenden Vater. Stößt nicht rechtes, fremdenfeindliches Gedankengut in den neuen Ländern auf günstigere Bedingungen als im Westen? Ist die Kraft der Gesellschaft, ihm entgegen zu treten, dort nicht weniger gefestigt? Lesen wir nicht jeden Tag in den Polizeiberichten von Exzessen rechter Gewalt im Osten, von unfassbarer Brutalität gegenüber allem, was von einer vermeintlichen deutschen Norm abweicht?

Mag ja alles sein. Aber nichts davon entschuldigt Vorurteile und das spontane Reagieren auf Reflexe, wo die sorgfältige Recherche und die innere Distanz hätten beginnen müssen. Auch ein Meinungsbeitrag im Tagesspiegel war nicht frei davon. Die innerredaktionellen Prinzipien des Gegenlesens und der sorgfältigen Textanalyse vor dem Druck verhinderten hier, was in anderen Blättern geschah - dass dem Leser Möglichkeiten als Fakten präsentiert wurden. Das ist tröstlich, aber nicht beruhigend.

Journalisten dürfen nie aufhören, zu zweifeln. Aber eben nicht nur am Guten, sondern auch am Bösen im Menschen. Und der Konkurrenzdruck in der Medienbranche erklärt zwar, warum es Journalisten immer eilig haben. Aber er entschuldigt keine falschen Verdächtigungen. Dass sie sich im Falle Sebnitz nicht nur gegen Einzelne, sondern gegen die Menschen in der früheren DDR ganz allgemein richteten, muss unseren Berufsstand beschämen. Da schreiben wir so viel, über die Gräben, die zugeschüttet werden müssen - und haben, am Beispiel Sebnitz, selber einen ganz tiefen ausgehoben.

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