• Sechs Tage, die nicht vergehen Vor 35 Jahren machte Israel im Blitzkrieg fatale Eroberungen

Meinung : Sechs Tage, die nicht vergehen Vor 35 Jahren machte Israel im Blitzkrieg fatale Eroberungen

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Von Andrea Nüsse

Sechs Tage haben die geographische und politische Landkarte im Nahen Osten fundamental verändert: Zwischen dem 5. und 10. Juni 1967 eroberte Israel den Sinai, die Golan-Höhen, die Westbank und den Gaza-Streifen. Es war der spektakulärste militärische Sieg Israels – vielleicht aber auch sein verhängnisvollster.

Bis heute ist Israel Besatzungsmacht in Teilen der damals eroberten Gebiete. Und bis heute beherrschen die Mythen um diesen Krieg und seine Auswirkungen die Region – auf beiden Seiten. In Israel brachte der überraschende Landgewinn, der nie geplant war, zwei Strömungen hervor: Die Bewegung für „Großisrael“, welche die Westbank als festen Bestandteil Israels ansieht, und die Friedensbewegung. Auf arabisch-muslimischer Seite diskreditierte die militärische Niederlage alle Regime und gab den islamistischen Bewegungen Auftrieb.

35 Jahre später bestimmen die Protagonisten der „Großisrael"-Bewegung, der auch der Likud und der israelische Premierminister Ariel Sharon anhängen, sowie die islamistischen Extremisten zu weiten Teilen den Konflikt mit den Palästinensern. Wieso aber wurde der israelische Sieg von vor 35 Jahren bis heute nicht in eine umfassende politische Lösung umgemünzt?

Paradoxerweise gelang die Aussöhnung mit Kairo nach einem weiteren Krieg, in dem Ägypten Israel angriff und eine Art militärisches „Unentschieden“ erreichte.

Dies ermögliche dem ägyptischen Präsidenten Sadat den mutigen Schritt, auf Israel zuzugehen – und er wurde damals von Israels Regierungschef Begin beantwortet. Der gesamte Sinai wurde zurückgegeben, die israelischen Siedlungen wurden geräumt. Die Palästinensische Befreiungsbewegung dagegen brauchte viele kostbare Jahre, um die Existenz Israels in 78 Prozent des ehemaligen Mandatsgebiets anzuerkennen. Und Sadat wurde umgebracht.

Israel erkannte erst im Anschluss daran die Existenz eines palästinensischen Volkes und dessen politische Vertretung an. Allerdings ist Israel nicht wie im Falle Ägyptens bereit, bei geringem Gebietsaustausch die gesamten besetzten Territorien einschließlich Ost-Jerusalems zu räumen.

Eine schleichende Landannektion durch den Siedlungsbau dauerte, während aller Friedensverhandlungen an und setzt sich auch heute fort – sie ist eines der Hindernisse für eine friedliche Regelung beispielsweise nach dem Modell des Friedensvertrages mit Ägypten. Die Palästinenserführung wiederum hat es versäumt, extremistische Gruppen in die Schranken zu weisen, sie hat ihnen erlaubt, die offizielle politische Linie immer wieder durch terroristischen Aktionen zu torpedieren.

Daher müssen beide Seiten 35 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg die bösen Geister, die dieser hervorrief, in die Flasche zurück verbannen: In Israel die Verfechter einer „Groß-Israel-Politik“, auf palästinensischer Seite die islamischen Extremisten, welche die Existenz des jüdischen Staates nicht anerkennen wollen. Dies kann jedoch nur funktionieren, wenn die internationale Gemeinschaft dies von beiden Seiten gleichermaßen klar und mit Nachdruck verlangt. Das Argument Israels, es könne aus Sicherheitsgründen nicht alle besetzten Territorien herausgeben, kann heute nicht mehr rückhaltslos übernommen werden. Denn seit 1967 und den berühmten „Neins“ der arabischen Welt zu Verhandlungen und einem Frieden mit Israel ist viel Zeit vergangen. Und mittlerweile liegt ein zumindest im Ansatz vernünftiges arabisches Friedensangebot auf dem Tisch.

Nach 35 Jahren ist auf arabischer Seite einiger Realismus spürbar, vielleicht genug, um Israel zu erlauben, Zug um Zug auf den Tausch von Land gegen Frieden einzugehen. Darin bieten auch Staaten wie Saudi-Arabien und Syrien die Anerkennung Israels und die Sicherheit seiner Grenzen im Gegenzug gegen territorialen Rückzug. In der Flüchtlingsfrage wird durch Berufung auf die UN-Resolution 194 Spielraum für Verhandlungen gelassen. Wenn Israel sich darauf einließe, könnten jene sechs Tage im Juni endlich doch vergehen.

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