Sechziger Jahre : Gerechtigkeit für eine Generation

Die deutschen Babyboomer steuern Wirtschaft und Gesellschaft – und keiner lobt sie dafür. Nur ein Babyboomer sitzt im Kabinett: Sigmar Gabriel.

Martin Rupps

Es geschieht großes Unrecht in diesem Land. Die Generation, die an den Schalthebeln der Republik sitzt, wird verkannt, ja totgeschwiegen. Kein Wort des Lobes für diese Generation, die deutschen Babyboomer, oder wie wäre es mit ein bisschen Kritik? Leider lobt diese Generation nicht einmal sich selbst – dabei ist sie die zahlenmäßig größte, die Deutschland je erlebt hat. Und noch für lange Zeit die wichtigste.

Ob Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen wie der Schuhkönig Heinrich Deichmann, Chefredakteure in Rundfunk (etwa der ARD) oder Presse, prägende Schauspieler (Ulrike Folkerts, Til Schweiger) oder Sportikonen (Jürgen Klinsmann aus dem „Sommermärchen“) – endlich haben die deutschen Babyboomer das Sagen, die Kinder aus einer Zeit, als das Kinderkriegen noch geboomt hat. Es sind die Jahrgänge 1959 bis 1964, ganze 7,8 Millionen Frauen und Männer im damaligen Deutschland (West) und Deutschland (Ost). 1964 war beiderseits der Mauer der Spitzenjahrgang. Eine Million dreihundertsiebenundfünfzigtausenddreihundertvier Babys erblickten in gerade einmal zwölf Monaten lebend das Licht der Welt. Eine solch folgenreiche Fruchtbarkeit wird nie mehr zu toppen sein.

Das Schweigen über die deutschen Babyboomer beginnt mit einem elenden Missverständnis, denn in der Bundesrepublik handelt es sich nicht, wie sogar auf Buchtiteln behauptet, um die Generation 50 plus wie in Amerika, wo auch der Begriff erfunden wurde. In den USA schossen die Kinderzahlen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in die Höhe, in den beiden Teilen Deutschlands dagegen erst Jahre später. Hier haben die Geburtenzahlen zwischen Mitte der vierziger und Mitte der fünfziger Jahre zunächst stagniert: Männermangel, Wohnungsnot, Nachkriegsknappheit – es war keine gute Zeit für Familiengründungen. Mitte der fünfziger Jahre gewinnen die Geburtenraten an Fahrt und machen 1959 den ersten Sprung. Der Jahrgang 1964 ist der Jahrgang, bevor die Pille kam – und wirkte. Von 1965 ging es zum Teil dramatisch bergab.

Ein deutscher Babyboomer kann von Glück sagen, wenn er den Mutterbauch für sich alleine hatte. Termitenartig fielen die Boomer in Kinderzimmer, Kindergärten (wo es noch die „Tante“ gab), Grundschulen, Vereinsheime, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Berufsschulen und Universitäten ein. Die Grunderfahrung eines Babyboomers ist die Massenhaltung. Aber das hat seine Seele nicht beschädigt – immer gab es Spielkameradinnen und –kameraden, Geschwister, Freunde auf der Straße oder Mitschüler in der Schulpause.

Unter vielen, zu vielen überleben lernten die Babyboomer schon früh. Im Kindergarten spielten sie die „Reise nach Jerusalem“. Eine Gruppe von Mädchen und Jungs musste sich blitzschnell auf Stühle setzen, allerdings fehlte immer einer. Wer keinen Platz erwischte, schied aus dem Spiel aus. Die Babyboomer strengten sich mächtig an, sich eine solche Schmach zu ersparen.

Weshalb redet keiner über diese Millionen, die sich zwischen Abba und den Bay City Rollers, Leckerschmecker und Raider, Tri Top und Bluna entscheiden mussten? Weshalb reflektiert diese Generation nicht sich selbst, wo sie doch heute, in den Mitt- bis Endvierzigern angekommen, mit Stolz auf Erlebtes und Erreichtes zurückschauen kann?

Bisher stehlen den Babyboomern zwei andere Generationen die Schau – die vorausgehenden Achtundsechziger, natürlich, und die nicht weniger zur Selbstdarstellung talentierte Generation Golf. Die Achtundsechziger finden immer einen Anlass, daran zu erinnern, wie sie nie gewesen sind – in diesem Jahr ist es der 40. Geburtstag einer Revolte, die bekanntlich schon 1967 begonnen hat. Die Achtundsechziger nähren erfolgreich die Mär, sie seien eine spektakuläre Generation, auf die nur noch Langeweile gefolgt ist.

Der Generation Golf kommt zugute, dass sie einen starken Autor zu ihrer Beschreibung hat und dass diese Beschreibung klar und eindeutig ausfallen kann. Die Generation Golf ist gleichbedeutend mit der Genese der politisch kleinen, aber wirtschaftlich starken Bundesrepublik. Golf-Kinder kennen keine Brüche oder gar Schicksalsschläge, außer den privaten. Sie sind unpolitisch. Sie wuchsen im Wohlstand auf. Viele von ihnen bekamen zur Volljährigkeit ein Auto geschenkt.

Und die deutschen Babyboomer? Sie galten bis jetzt als die Generation dazwischen, als Sandwich-Generation – Kinder einer Übergangszeit, deren persönliche Identität und gesellschaftliche Leistung keinem Menschen, nicht einmal einem Babyboomer, ein Wort wert war. Dabei zeichnet die Babyboomer viel mehr aus als die gemeinsame Erfahrung der Masse – etwa ihr Großwerden zwischen zwei Epochen, einer alten und einer neuen Zeit. Als Kinder der ersten westdeutschen Wohlstandsgeneration kennen die Babyboomer noch eine alte Zeit. Für die meisten ihrer Mütter und Väter – Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel – war ein flottes Auto (VW Käfer, Opel Kadett oder Ford Taunus) und das tägliche Stück Fleisch auf dem Teller wichtiger als eine „Atomkraft nein danke“-Demo. Die Babyboomer sind aber auch schon von einer neuen Zeit geprägt, denn diese Generation profitierte als erste von der gesellschaftlichen Öffnung durch „Achtundsechzig“ (eine Öffnung, die ein paar tausend Engagierte, aber keineswegs eine ganze Generation erkämpft hat). Erstmals durften auch Mädchen, deren Mütter oder Väter nicht Lehrer waren, fraglos ein Gymnasium besuchen, um später ein Studium aufzunehmen. Babyboomer mussten sich fürs erste Petting nicht mehr auf die Rückbank eines Autos kauern, sondern verfügten bereits über ein Jugendzimmer mit geschlossener Tür. Die Babyboomer hatten auch ein politisches Großerlebnis, das letzte, bei dem sich die Westdeutschen nicht als Zaungäste fühlen mussten – die „Menschenkette“ gegen eine Nachrüstung von Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik.

Geprägt vom Ludwig-Erhard- Deutschland und seinen neuen sozialen Bewegungen, fand der Babyboomer zu einer pragmatischen Kombination von Eigenschaften. Seine Eltern haben ihm Werte, Tugenden gelehrt als wichtige Hilfsmittel, in der Masse von Gleichaltrigen zu überleben. Ein Babyboomer setzte in seiner Ausbildung auf Sicherheit und hielt einer Frau noch die Autotür auf. Als Mütter oder Väter leben Babyboomer Autorität vor – so wie sie es selbst aus Kindheit und Jugend kennen. Babyboomer legen ihr Geld auf ein Sparbuch und handeln nicht mit Aktien, weil sie das Risiko scheuen. Allenfalls haben sie „sichere“ Aktien, die sie einmal vererben werden, im Depot liegen. Und sie wissen noch, wie schön ein Auto war, bevor es im Windkanal oder am Computer entworfen wurde. Ein Babyboomer stellt bedauernd fest, dass heute alle Autos gleich aussehen.

Allerdings wollen Babyboomer nicht sein wie ihre Eltern. Mütter von Babyboomern sind noch nicht die besten Freundinnen ihrer Töchter. Väter haben Töchtern oder Söhnen noch keine Gutenachtgeschichten vorgelesen. Das Verhältnis war oder ist freundlich, aber distanziert.

Dank der Achtundsechziger sind die Babyboomer politisch interessiert. Sie lassen keinen Gang zur Wahlurne aus. Und sie leben moderne, weil gemäßigte Frauen- und Männerrollen. Frauen unter den Babyboomern sind schon so emanzipiert, dass sie auf einen Doppelnamen verzichten und einem Mann erlauben, dass er sie zum Essen einlädt. Babyboomer trennen ihren Haushaltsmüll und kaufen Biolebensmittel.

Allerdings teilen sie nicht den Gruppenkult und schon gar nicht die Theoriebegeisterung der Achtundsechziger. Babyboomer sind Individualisten und Pragmatiker mit wenig Interesse an Theorien und schon gar nicht an Ideologien. Ein Personenkult, wie ihn Joschka Fischer stellvertretend für seine Generation treibt, ist unter Babyboomern verpönt – sie hatten bei ihrem Großwerden und Weiterkommen, so viele sie waren und immer noch sind, keine Zeit dafür. Und aufs Nachholen haben sie keine Lust. Das macht sie im Auftritt spröde, ein Achtundsechziger würde sagen: spießig.

Sind die Babyboomer eine Generation mit eigener Identität und aus eigenem Wert? Eindeutig ja. Und sie haben dieser Republik noch viel zu geben. Dank ihrer pragmatischen Haltung sind sie auf die Unordnung der Welt besser vorbereitet als die Generationen Golf und Ally (frei nach der US-Serienfigur Ally McBeal). Babyboomer kennen zwar keine materielle Not mehr, erinnern sich aber der materiellen Knappheiten der Nachkriegszeit. Viele Eltern von Babyboomern haben sich noch die Butter vom Brot abgespart. Gelebt wurde in engen Wohnungen, die jüngeren Geschwister trugen Pullover und Hosen der älteren auf. Schon erwachsene Brüder gaben Lederjacken und Schuhe untereinander weiter.

Diese Erfahrungen wappnet Babyboomer für alle Widrigkeiten, die ihnen in diesem Leben noch bevorstehen: Arbeitsplatzverlust, biografischer Neuanfang, materielle Not im Alter. Denn keine Generation zahlt so viel in die Rentenkasse ein und wird daraus so wenig erhalten wie die Babyboomer.

Die Babyboomer sind auch eine gebildete Generation, denn ihre Mütter und Väter finanzierten ihnen bereitwillig einen langen Schulbesuch und häufig ein Studium. Die Kinder sollten es einmal besser haben! Die Babyboomer können noch einen grammatisch korrekten deutschen Satz schreiben und kennen den Namen des ägyptischen Flusses mit drei Buchstaben. Mit der „Generation Doof“, über die zur Zeit öffentlich diskutiert wird, können die Babyboomer nicht gemeint sein. Die Babyboomer sind eine Generation Gescheit.

Ausgestattet mit einem Sinn für das rechte Maß und mit der Kunst zu Rechtschreibung und Kommasetzung, stürmen die Babyboomer hoffentlich bald auch die letzte Bastion, die ihnen noch vorenthalten wird, die hohe Politik. Über einhundert Angehörige der Jahrgänge 1959 bis 1964 sitzen derzeit im Parlament, aber nur einer von ihnen, Sigmar Gabriel, im Kabinett. Die Riege der Frauen und Männer, die dieses Land regiert, ist in Deutschland traditionell älter als die Generation, die in Wirtschaft und Gesellschaft das Sagen hat. Es käme einem Treppenwitz der Generationengeschichte gleich, wenn der Babyboomer Guido Westerwelle Vizekanzler würde – ausgerechnet Guido, auf dessen Musterschülerallüren kein Babyboomer stolz sein kann. Aber lieber ein Westerwelle als gar kein Babyboomer ... Gegen null tendieren die Chancen, dass eine Bundeskanzlerin oder ein Bundeskanzler jemals aus der Generation der Babyboomer kommt. Wichtige Posten, etwa der des Parlamentarischen Geschäftsführers der Unionsfraktion im Bundestag, werden bereits von Golfern besetzt.

Aber letztlich kann es den Babyboomern egal sein, wer über ihnen regiert, denn die Deutungshoheit in Wirtschaft, Gesellschaft und Medien werden sie noch innehaben. Wie jede Generation sind auch die Babyboomer davon überzeugt, dass nach ihnen nur noch Verfall und Abstieg, Verdummung und Dekadenz folgen wird, und das gilt es nach Kräften aufzuhalten. Ein früher, sorgenfreier Ruhestand, wie ihn die Eltern der Babyboomer noch vielfach erleben, ist schon wegen der demografischen Entwicklung nicht mehr drin. Erst kürzlich hat ein Politiker, Franz Müntefering, natürlich kein Babyboomer, den Massenjahrgang 1964 auf eine Rente mit 67 gesetzt. Die früheren Babyboomer-Jahrgänge 1959 bis 1963 werden sicher bald folgen. Willkommen im Club!

Wenn die Babyboomer dann tatsächlich einmal in Rente gehen, etwa vom Jahr 2020 an, werden sie mehr künstliche Hüftgelenke und Schnabeltassen brauchen als jede Generation vor oder nach ihnen. Die Babyboomer bleiben die meisten, auch noch auf dem Friedhof. Vor ihrer letzten Ruhe dürfen sie aber gern noch deutlicher als bisher sagen: Masse ist Klasse!

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