Meinung : Sehnsucht nach dem Ausverkauf

Kaum ist der letzte Schlussverkauf gestartet, regt sich schon wieder Nostalgie

Ursula Weidenfeld

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen sich Schnäppchenjäger morgens um acht in dichten Trauben vor den Kaufhäusern drängelten. Die Jahre, in denen nur die mutigsten Verkäufer zum Aufschließen der Türen geschickt wurden. Die Minuten, in denen alle Rolltreppen der Warenhäuser nur eine Richtung kannten: aufwärts.

Schlussverkauf als Volksfest – das war einmal. Die Realität ist längst schon eine andere: Rabatte das ganze Jahr über, Ausverkäufe, Sondershoppingflächen, Treuekunden-Nachlässe. So haben wir es gewollt. Und so ist es gekommen.

Sind wir jetzt zufriedener? Irgendwie nicht. Es sei Transparenz verloren gegangen, klagen die Gewerkschaften. Das Vertrauen in gerechte Preise sei zusammengebrochen, erklären die Markt- und Meinungsforscher. Die Liberalisierung des Rabattwesens verwirre, verunsichere und verärgere die Kunden, jammern die Einzelhändler. Deshalb herrsche Kaufverweigerung.

Die Experten haben Recht, was das Feststellen der Fakten angeht: Die Kunden sind verärgert, verunsichert und verwirrt. Aber bei der Suche nach den Gründen dafür liegen sie schief: Kaufverweigerung herrscht nicht, weil die Rabattgesetze gelockert wurden. Sondern, weil die Verbraucher jetzt viel mehr Arbeit haben, wenn sie den angemessenen Preis herausfinden wollen. Und weil es in den vergangenen Jahren in Deutschland wirtschaftlich nicht besonders gut lief. Wer aber Angst hat, entlassen zu werden, der geht nun mal nicht unbeschwert los, um sein bisschen Geld auf den Kopf zu hauen.

Schlimmer aber noch war, dass der Handel selbst in dieser sensiblen Situation mit seinen Kunden Schindluder getrieben hat. Wer fürchten muss, dass ein Geschäft erst einmal die Preise deutlich anhebt, bevor es Nachlässe gewährt, verliert selbst die Lust am Sonderangebot. Und wer die Erfahrung gemacht hat, dass Handel und Dienstleister historische Ereignisse wie die Währungsumstellung nutzen, um ordentlich zuzulangen, dessen Vertrauen ist für Jahre gestört. Da kann die Statistik eine Null vor den amtlichen Preisanstieg setzen, so oft und so lange sie will. Der Verbraucher glaubt es einfach nicht mehr.

Die Sehnsucht nach dem Schlussverkauf steht aber für mehr. Sie steht für die Sehnsucht nach Sicherheit, nach der guten alten Zeit. Als die Preise noch fest, die Händler noch ehrlich, und die Renten noch sicher waren. Diese Zeiten aber wird es nie wieder geben. Daran würde auch eine Zurückregulierung des Einzelhandels nichts ändern. Denn jeder Einzelne müsste trotzdem mehr sparen, mehr für seine Gesundheit ausgeben. Und er müsste denselben oder einen noch höheren Aufwand treiben, um sich zu informieren. Was man aber bei Großanschaffungen wie einem neuen Auto oder dem Buchen des Jahresurlaubs noch selbstverständlich findet, geht einem bei kleinen Dingen wie einer neuen Hose oder dem Wocheneinkauf schwer auf die Nerven. Da würde man den eigenen aufwändigen Preisvergleich lieber durch das Vertrauen ersetzen, ordentlich und fair behandelt zu werden.

Der feste Termin für den Schlussverkauf aber löst dieses Versprechen nicht mehr ein. Seit Jahren schon werden die ersten Rabatte schon Wochen vor dem offiziellen Start des Schlussverkaufs gegeben. Kunden, die zu regulären Preisen kaufen, können sich schon lange nicht darauf verlassen, denselben Mantel woanders nicht billiger zu bekommen.

Der Schlussverkauf macht das Leben nicht mehr einfacher. Er tut nur noch so. Deshalb ist es kein Verlust, wenn er in diesem Winter des letzte Mal stattfindet. Der Einzelhandel wird das Vertrauen seiner Kunden in Verlässlichkeit und faire Preise auf andere Weise zurückgewinnen müssen. Wenn jetzt der Aufschwung kommt, und den Verbrauchern das Geld wieder ein bisschen lockerer in der Tasche sitzt, wird er dazu viele Gelegenheiten bekommen.

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