Meinung : „Sein Herz hing an der Sache der Arbeiter“

Am 11. Juli wäre Herbert Wehner 100 Jahre alt geworden: Eine Würdigung des Kärrners der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Helmut Schmidt

Wer auf die Geschichte der Bundesrepublik blickt und sich an die wirkungsmächtigsten Politiker dieser sechs Jahrzehnte erinnert, der muss den SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner als eine der kraftvollsten Persönlichkeiten einbeziehen. Im Beginn hatte Kurt Schumacher prägende Kraft, er starb 1952 allzu früh. Seit 1948 erwarb Ludwig Erhard über einige Jahre als Wirtschaftsminister ein großes Verdienst. Gleichzeitig stieg Konrad Adenauer für mehr als ein Jahrzehnt zur entscheidenden Figur an der Spitze des Staates auf. Gegen Ende der Ära Adenauer wurde Fritz Erler zum parlamentarisch herausragenden Oppositionsführer, Willy Brandt war als Regierender Bürgermeister in Berlin und als Außenminister international höchst angesehen. Als Kanzler gingen im Beginn der 70er Jahre von ihm mitreißende Impulse aus. Später hat Helmut Kohl über anderthalb Jahrzehnte unsere politische Landschaft beherrscht. Ihm gelang 1990 die staatliche Wiedervereinigung Deutschlands.

Gleichzeitig haben zwei Männer in Stellungen unterhalb der Spitze des Staates länger als ein Vierteljahrhundert die Entfaltung der deutschen Politik in außerordentlichem Maße beeinflusst: Franz Josef Strauß und Herbert Wehner. Beide waren höchst umstritten. Aber beide hatten strategisches Urteil, beiden war taktische Wendigkeit zu Eigen, beide waren faszinierende Parlamentsredner. Sie gehören beide zu jener Hand voll der wirkungsvollsten Politiker, die wir bisher erlebt haben. Strauß hat Kanzler werden wollen – das ist ihm nicht geglückt. Wehner war es zufrieden, mit seinem Wirken Deutschland und zugleich seiner Partei zu dienen – beides ist ihm geglückt.

Wenn hier von Herbert Wehner die Rede sein soll, so muss ich vorweg meine Parteilichkeit bekennen. Denn ich habe ihm vertraut und bin in meinem Vertrauen nicht enttäuscht worden. Ich habe ihn im Winter 1946/47 kennen gelernt. Mit der Ausnahme von vier Jahren Anfang der 60er, als ich in Hamburg war, habe ich ihn von 1949 bis 1983 fast allwöchentlich getroffen. Zur ersten Hälfte seines Lebens – er kam am 11. Juli 1906 in Dresden zur Welt, lernte Industriekaufmann, schloss sich gegen Ende der Weimarer Republik der KPD an, emigrierte nach Moskau, dann nach Schweden – kann ich nichts beitragen.

In den späten 40er Jahren hatte sich Wehner von Lenin – erst recht von Stalin – und vom internationalen Kommunismus schon ganz gelöst; noch nicht vom Marxismus und keineswegs von der Idealisierung der Arbeiterbewegung. Immerhin hat er mir aber 1953 zugestimmt, als ich nach einem nicht eben glänzenden Wahlergebnis vor einer Delegiertenversammlung darlegte, es sei ein Fehler, die Angestellten, Handwerker und Selbstständigen als Proletarier anzureden. Wehners Herz hing elementar an der Sache der Arbeiter. Als sich nach 1949 seine Aktivität in der Sozialdemokratie entfaltete, hatte er vieles hinter sich gelassen – auch viele Irrtümer. Aber die Not der Arbeiterschaft ist der Nährboden geblieben, auf dem sich sein humanistisches Bewusstsein von der Unabdingbarkeit persönlicher Freiheit entwickelt hat. Der Artikel 20 des Grundgesetzes, der vom „demokratischen und sozialen Bundesstaat“ spricht, ist ihm zum Kernsatz seiner eigenen Politik geworden.

Wehner war ein strenger Moralist. Sein sehr bescheidener Lebensstil und ebenso seine vielfältig im Verborgenen ausgeübte Hilfsbereitschaft für Menschen in Not waren Ausdruck seiner Moralität. Freilich hat er es jedem Außenstehenden, auch jedem Journalisten schwer gemacht, seine Menschlichkeit zu erkennen. Denn nach außen war er robust, zu Gegnern konnte er verletzend ruppig sein. Dabei war er selbst durchaus empfindlich; allerdings konnte er seine Verwundungen zumeist verbergen.

Aber die Wunden, die er sich in der ersten Hälfte seines Lebens zugezogen hatte, waren keineswegs glatt vernarbt. Schlimmer noch: Sie brachen bisweilen wieder auf und führten dann zu erschreckenden Temperamentsausbrüchen. Manche hielten Wehner deshalb für einen Choleriker; und manche seiner Gegner glaubten, in solchen Entgleisungen einen scheinbaren Beweis für seine angebliche Gefährlichkeit gefunden zu haben. Noch lange nach seinem Tode im Jahre 1990 wurde er von rechten Politikern und Journalisten verdächtigt, mit der sowjetischen Führung insgeheim konspiriert zu haben. Immerhin aber ist Franz Josef Strauß auf derartige Kampagnen nicht eingegangen, er hat im Gegenteil mehrfach eigene Parteifreunde wegen ihrer abfälligen Bemerkungen über Wehner zurückgepfiffen. Und es war wohl Adenauer – selbst ein bisweilen rücksichtsloser Polemiker –, der für Wehner das später oft zitierte Wort vom „politischen Urgestein“ geprägt hat.

Adenauer hatte Recht: Wehner war mit Herz und Seele ein politischer Mensch. Er war ein zielstrebiger Stratege, der seine Karten verdeckt zu halten wusste. Sein Ziel war, die Einheit der Nation trotz der Teilung aufrechtzuerhalten. Es ging für ihn zugleich darum, Diktatur, Unfreiheit und Ungerechtigkeit unmöglich zu machen. Es ging ihm darum, Staat und Gesellschaft menschlicher zu machen. Es ging ihm deshalb auch darum, die Sozialdemokratie regierungsfähig und zur regierenden Partei zu machen.

1958 wurde Herbert Wehner in die Führungsspitze der Sozialdemokratie gewählt; er hat ihr sodann ein Vierteljahrhundert lang angehört. Am Beginn war Erich Ollenhauer Partei- und zugleich Fraktionsvorsitzender; jedoch waren es Carlo Schmid, Fritz Erler und Herbert Wehner – sie galten damals als die „Reformer“ –, die den Modernisierungs- und Öffnungsprozess der SPD vorantrieben. Das für diesen Prozess entscheidende, später mit Recht berühmt gewordene Godesberger Grundsatzprogramm des Jahres 1959 war damals schon in weitgehender gedanklicher Vorbereitung. Zu seiner Annahme durch einen großen Parteitag hat der ehemalige Kommunist Wehner sehr wirksam beigetragen. Die SPD knüpfte damit an die große Geschichte der Arbeiterbewegung an, jedoch war vom Klassenkampf keine Rede mehr. Die drei Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität traten ins Zentrum des Programms.

Wehner nutzte 1966 die Chance, erstmalig seit 1930 die Sozialdemokratie wieder in die Regierungsfähigkeit zu führen, gegen sehr erhebliche Bedenken großer Teile und wichtiger Führungspersonen der eigenen Partei (auch Willy Brandt war keineswegs begeistert). Den Ausschlag zugunsten der großen Koalition gab die abgewogene Zustimmung des bereits todkranken Fritz Erler.

1968, am Ende der Legislaturperiode, konnte Wehner zufrieden sein, zumal er selbst, Willy Brandt, Gustav Heinemann, Karl Schiller, Georg Leber und andere offenkundig ihre Tauglichkeit und ihre Wirksamkeit als Regierende erwiesen hatten. Entsprechend positiv fiel das Ergebnis der Wahl Ende 1969 für die SPD aus. Wehner – und auch ich –, wir hätten es danach vorgezogen, die Koalition mit der CDU/CSU fortzusetzen. Stattdessen setzte Brandt die sozialliberale Koalition durch. Sie hat dreizehn Jahre lang Deutschland gut regiert; an ein Mehrheitswahlrecht freilich war nun nicht mehr zu denken.

Über die so genannte Troika haben die Massenmedien vielerlei spektakuläre Geschichten geschrieben und gesendet; vielfach hat man sich Mühe gegeben, das Verhältnis zwischen Brandt, Wehner und Schmidt darzustellen als stärker von Differenzen denn von Zusammenarbeit und Übereinstimmung gekennzeichnet. Wahr ist, dass wir oft miteinander gerungen haben, wir waren keineswegs immer einträchtig. Jedoch nur ganz selten ist davon etwas zur Kenntnis der Öffentlichkeit gelangt, denn wir haben uns fast ausnahmslos auf gemeinsames Handeln verständigt. Wir sind weder enge persönliche Freunde gewesen, noch haben wir in allen Fragen des persönlichen Stils oder der Wortwahl übereingestimmt – aber darauf kam es doch gar nicht an! Es wäre eine irreale, ja absurde Vorstellung, an der Spitze eines Staates oder auch nur einer Partei müsse ein persönliches Freundschafts- oder gar Liebesverhältnis bestehen. Sondern was stattdessen bestehen sollte, das sind Loyalität, Solidarität und das gemeinsame Ziehen am selben Ende des Stranges, zum selben Ziel und Zweck. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam Anspruch haben auf Respekt angesichts einer lange anhaltenden gemeinsamen Führungsleistung.

Das gilt notabene auch für die Klausur im Mai 1974 in Münstereifel, in deren Verlauf Willy Brandt sich zum Rücktritt als Bundeskanzler entschloss und zugleich mich als seinen Nachfolger vorschlug. Ich war darüber bestürzt, nicht nur, weil ich Brandts Begründung mit dem Fall Guillaume für gänzlich abwegig hielt, sondern auch, weil ich selber Angst empfand vor der enormen Verantwortung eines Bundeskanzlers. Ich habe im Zorn Brandt angeschrien, doch er blieb bei seinem Entschluss. Wehner schlug dann vor, Brandt solle Parteivorsitzender bleiben. Dass aber Wehner für diesen Rücktritt verantwortlich gewesen sein soll, wie später insinuiert worden ist, halte ich für ganz abwegig. Denn wenn Wehner entschlossen gewesen wäre, Brandts Rücktritt auszulösen, dann hätte er zugleich beabsichtigen müssen, mich zum Nachfolger zu machen. Von solcher Absicht Wehners habe ich in Münstereifel jedoch nichts gespürt.

Wohl aber habe ich mich nach dem Kanzlerwechsel über alle acht Jahre auf Herbert Wehners Hilfe verlassen können. Es gab allwöchentlich Gespräche. Jedes Jahr habe ich für Wehner eine sehr ausführliche Zwischenbilanz geschrieben, sie betraf die außenpolitische Lage, die innenpolitische und die ökonomische Situation und die sich daraus ergebenden Aufgaben für Gesetzgebung und Regierung. Davon erhielten der Parteivorsitzende und einige weitere verschwiegene Führungspersonen Kopien; daraus ergaben sich dann Gespräche, Korrekturen und Ergänzungen. Aus jener Zeit erinnere ich allerdings auch eine bedeutsame Meinungsverschiedenheit, nämlich über die sehr entgegenkommende Haltung Willy Brandts zu den in großer Zahl in die SPD eintretenden jungen linken Intellektuellen, die utopischen Vorstellungen anhingen. Wehner und ich blieben dagegen sehr reserviert. Immerhin hatten aber Wehner und Brandt sich 1972, noch zu Brandts Kanzlerzeit, für den so genannten Radikalenerlass entschieden (dem ich damals widersprochen hatte).

Im Winter 1982/83 ist das sozialdemokratische Triumvirat an sein Ende gelangt, das über ein Jahrzehnt die Politik der Bundesrepublik entscheidend bestimmt hatte. Aus dem Abstand von mehr als zwei weiteren Jahrzehnten darf man heute feststellen: Herbert Wehner ist das wichtige Bindeglied gewesen. Während das Verhältnis zwischen Brandt und Schmidt am Anfang, in den 60er Jahren, herzlich gewesen ist (jedenfalls von meiner Seite), so war es am Schluss, in den 80er Jahren, nicht mehr verlässlich. Das Verhältnis zwischen Brandt und Wehner war immer schwierig, zumeist aber diszipliniert und verlässlich. Das Verhältnis zwischen Wehner und Schmidt war nicht herzlich, aber ohne Ausnahme zuverlässig.

Wehner und Brandt sind zur Zeit von Hitlers Machtantritt bereits erwachsene Männer gewesen, während ich gerade erst 14 Jahre alt geworden war; unsere politischen Prägungen bis 1945 sind sehr verschieden gewesen. Gleichwohl sind nach Ende der Naziherrschaft, auf die keiner von uns hereingefallen ist – Wehner und Brandt haben im Gegenteil bei Gefahr für ihr Leben Widerstand geleistet! –, alle drei überzeugte Sozialdemokraten geworden. Dabei hingen Wehner und Brandt etwas stärker am sozialistischen Ideal, ich etwas stärker am demokratischen Ideal. Wir hätten alle drei, wenn uns die Chance zugefallen wäre, die 1989/90 Helmut Kohl ergriffen hat, Deutschland zusammengeführt. Alle drei waren wir deutsche Patrioten und zugleich Überzeugungstäter der Einbindung Deutschlands in die europäische Integration.

Herbert Wehner hat im Laufe seines Lebens mancherlei Gegner und auch Feinde gekannt; zugleich hat er sich auf eine enorm große Anhängerschaft stützen können; viele haben sich als seine Freunde empfunden. Seine herzlichsten Freunde aber sind seine Frau Lotte und nach deren Tod Greta Burmester (später Greta Wehner) gewesen. Ohne diese beiden hätte er sein aufreibendes, von Krankheit beeinträchtigtes entsagungsvolles Leben als Kärrner kaum bewältigen können. Er wolle „den Karren ziehen, solange der Karren es will“, so hat er bisweilen gesagt. Der Karren hat es über ein Vierteljahrhundert immer wieder gewollt.

Als Wehner 1990 nach jämmerlichen Leidensjahren – ein Opfer der Alzheimer’schen Krankheit – starb, habe ich einen Freund verloren, der immer zu seinem Wort gestanden ist. Deshalb empfinde ich große Dankbarkeit und mitmenschliche Zuneigung. Herbert Wehner war einer der ganz Großen.

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