Meinung : Sein Jesus braucht Untertitel

Mel Gibsons Film gelingt es nicht, den theologischen Gehalt der Leiden Christi zu ergründen

Robert Leicht

So viel ist lange nicht über einen Film geredet worden, noch ehe er ins Kino kam. Von diesem Donnerstag an können die Deutschen sich selbst ein Urteil bilden über Mel Gibsons Passion Jesu. Nur warum hat man nicht bis zum Karfreitag gewartet? Wer mag, kann darin ein Vorzeichen sehen.

Wofür? Für die kommerzielle Verwertung christlicher Themen – oder für das verborgene Masseninteresse am Christentum? Schon der Luther-Film hatte ja gezeigt, dass man mit im weitesten Sinne christlichen Themen die Leute ins Kino bekommen kann, wenn die Chose Starqualität hat: einen Helden und ein Drama. Freilich, wo bleibt über alledem das wahre Thema? Deshalb stellen sich Fragen, bei Mel Gibsons Film berechtigte und eher unberechtigte.

Die eher unberechtigte Frage ist die nach dem potenziellen oder vermeintlichen antisemitischen Charakter einer Wiedergabe der Leidensgeschichte nach den Evangelien. Ist es antisemitisch, wenn aus dem Matthäus-Evangelium jener Satz zitiert wird, mit dem das wütende Volk die Herausgabe des Angeklagten Jesus von Nazareth verlangt: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“? Würde der Film etwa weniger antisemitisch, wenn dieser Satz vorsorglich gestrichen würde? Jesus von Nazareth sah sich nicht als der erste Christ, sondern in seinem endzeitlichen Bewusstsein als der letzte, als der ultimativ fromme Jude. Allein dieser Anspruch führte zu der tödlichen Auseinandersetzung – nein, nicht zwischen Christen und Juden, sondern: innerhalb des frommen Judentums. Die unmittelbaren gläubigen Nachfolger des Gekreuzigten rechneten sich zunächst weiter zum Judentum. Noch im ersten Jahrhundert wurden in Rom die Christen als jüdische Splittergruppe, als Sekte gezählt. Und nahmen deshalb teil am Status der religio licita, der erlaubten Religion, der den Juden zuerkannt worden war.

Daraus folgt: Nicht die Evangelien selber sind antisemitisch oder anti-judaistisch (sie spiegeln nur religiöse Fronten im Judentum), sondern allenfalls bestimmte, leider lange Zeit vorherrschende Interpretationen der Evangelien in der Christenheit. Mit diesen Interpretationen allerdings hat sich das Christentum, wie mit seiner Sündengeschichte überhaupt, höchst bußfertig auseinander zu setzen. Aber nicht gegen die Evangelien, sondern gerade aus dem Geist des Evangeliums.

Wenn es aber auf die Interpretation ankommt, dann eröffnet der Film eine ganz andere kritische Debatte. Im Film wird aramäisch und lateinisch, also für das normale Publikum Kannitverstan gesprochen. Ursprünglich waren nicht einmal Untertitel vorgesehen. Wer aber Kannitverstan hört, der kann im Grunde nichts verstehen. Der Film verweigert in Wirklichkeit insgesamt die theologische Interpretation seines Stoffes. Gemessen an unseren christlichen liturgischen Formeln könnte man zwar da und dort schon auf den Gedanken kommen, die Realität des Leidens Christi sei zur Formelhaftigkeit abgeschliffen worden. Aber gerade wenn man sich die Grausamkeit dieser Hinrichtung, dieses Justizmordes sinnhaft vor Augen führen lässt, stellt sich die Frage: Wozu will der Gott der Christen das? Warum wollen die Christen sich immerzu daran erinnern?

Das Selbstopfer Gottes in seinem Sohn, so lehrt es der christliche Glaube, soll das absolute Ende aller Menschenopfer sein: das eine – für alle Male. Das heißt, die ultimative Grausamkeit soll das Ende aller Grausamkeit verkünden, jedenfalls im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, dann hoffentlich auch, hoffentlich irgendwann unter den Menschen.

Eben diese Interpretation der Grausamkeit, die der Film – wie auf einer ahnungslos zu nutzenden Bedieneroberfläche – vorführt, verweigert er letztlich. Das ist viel bedenklicher als sein vermeintlich antisemitisches Potenzial. Und im Übrigen, ungeachtet des katholisierenden Fundamentalismus seines Regisseurs, zutiefst unchristlich. Es wäre also kein Wunder, wenn die Massen ins Kino strömten – und die wirklich Gläubigen zu Hause blieben.

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