Meinung : Sein Prestige – flüchtig wie Gas Von Gerd Appenzeller

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Je höher Menschen steigen, desto dünner wird die Luft, die sie atmen. Das führt zu Ausfällen beim Wahrnehmungsvermögen bis zu Phantasievorstellungen. Mediziner beschreiben den Zustand als rauschähnlich. Realitätsverlust ist gefährlich, er kann zum Fehltritt und Absturz führen. Wir reden nicht vom Bergsteigen. Wir reden von der Politik.

Gerhard Schröder will Aufsichtsratschef des deutsch-russischen Konsortiums „Nordeuropäische Gas-Pipeline-Gesellschaft“ werden. Diese Versorgungsleitung würde nicht gebaut, hätte sich der frühere Bundeskanzler nicht zusammen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin massiv dafür eingesetzt. Direktor des Firmenkonsortiums wird der Moskauer Repräsentant der Dresdner Bank Matthias Warnig. Warnig, dessen Kontakte zu Putin als eng und freundschaftlich beschrieben werden, war hoch gestellter, hauptamtlicher Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit. Dass sich Putin und Warnig schon aus jener Zeit kennen, in der Putin für den KGB in Dresden tätig war, wird bestritten. Ach ja: Firmensitz des neuen Unternehmens ist das Schweizerische Zug, der Kanton mit einem der niedrigsten Steuersätze Europas.

Es gibt Fragen, die zu beantworten spannend wäre. Etwa, seit wann Gerhard Schröder wusste, dass er diesen interessanten Job bekommt, und ob das seine politischen Entscheidungen, vom Weg in die Neuwahl angefangen, beeinflusst hat. Auch, wie viel er verdient. Helmut Kohl etwa hat über Jahre hinweg vom früheren Medienunternehmer Kirch sechsstellige Apanagen bezogen. Aber beklemmend und zugleich faszinierend wirkt etwas anderes. Schröder ist dabei, atemberaubend schnell als Figur der Zeitgeschichte zu verblassen. Der Koalitionspartner der Sozialdemokraten, die Union, verfolgt seine Wirtschaftskarriere vorwiegend mit Fassungslosigkeit. In der SPD gibt es erste Absetzbewegungen angesichts der Instinktlosigkeit des Ex-Kanzlers. Was und wie es geschieht, wirkt grenzenlos Ich-bezogen und geradezu brutal bar jeder Einsicht in das, was sich schickt und was man besser unterlässt. Noch hat Schröder eine Chance, selbst Klarheit zu schaffen. Aber nicht mehr lange. Die Luft um ihn herum ist einfach zu dünn geworden.

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