Meinung : Seine eigene Vision

Bush junior will die Fehler seines Vaters vermeiden – und sucht sich eine Aufgabe

Moritz Schuller

Als George W. Bush vor vier Jahren an die Macht kam, war er ein trockener Alkoholiker mit einem flachen politischen Atem. Ohne die guten Kontakte seines Vaters wäre er nie bis ins Weiße Haus gekommen. Dass er in seiner Rede vor den republikanischen Delegierten denselben Vater nun lediglich als rhetorische Brücke benutzt, um zu Ronald Reagan zu kommen, ist also mehr als nur Ausdruck von Undankbarkeit: Denn was er vor vier Jahren noch nicht besaß, ein Thema, das ihn definiert, seine eigene Vision, darüber meint er nun zu verfügen. Es ist der Kampf gegen den Terror, der für Bush dort begann, wo er seine Rede hielt, in New York.

Dass er die terroristische Bedrohung vor dem 11. September zu wenig ernst genommen hat, dass er den Kampf möglicherweise falsch führt, rückt immer mehr in den Hintergrund angesichts der Obsession, mit der sich Bush diesem Thema widmet. „Wir werden eine sichere Welt aufbauen“, verkündete er gleich zu Beginn einer Rede, die kaum mehr hergab als die eine Botschaft: Terror, Krieg und nationale Sicherheit sind Themen, die sich dieser Präsident nicht einmal von einem Vietnamveteranen nehmen lässt.

John Kerry hatte den demokratischen Delegierten vor wenigen Wochen versprochen, als Präsident einen „intelligenteren Krieg gegen den Terror“ zu führen. Kerrys Haltung zum Krieg ist – als Soldat, der zum Kriegskritiker wurde – komplexer, vielleicht auch ambivalenter. Sie ist für Wahlkämpfe aber ungeeignet, bei denen es bisweilen statt um Inhalt nur um Entschlossenheit geht. Dass dürfte auch in einem Land einleuchten, in dem Wahlen von der richtigen Haltung zu Naturkatastrophen abhängen können.

Bush verfügt derzeit über die Definitionsmacht beim Irakkrieg: Ob die Planung und der Verlauf des Krieges intelligent war oder nicht, spielt keine Rolle, es gibt nur noch Kriegsbefürworter und Kriegsgegner. Wenn man die Optionen so verengt, dann ist Bush schlicht eindeutiger und überzeugender platziert als Kerry, der in gewisser Weise ständig beide Rollen spielen muss.

Bushs Identifikation ist umso erstaunlicher, weil der Irakkrieg zu seiner Achillesferse zu werden drohte. Anders als in Europa können sich aber offensichtlich viele Amerikaner, sogar die Mehrheit vorstellen, George W. Bush trotz der katastrophalen Lage im Irak wiederzuwählen.

Bush hat sich vor drei Jahren mit einer Entschlossenheit des Terrors angenommen, die außerhalb von Amerika geradezu bedrohlich anmutete. Was er am Ende mit dieser Haltung erreichen will, ob der Krieg gegen den Terror überhaupt zu gewinnen ist, scheint nicht einmal ihm selbst klar zu sein. Auf jeden Fall spricht er davon, dass „nichts Amerika zurückhalten wird“. Bush hat sich auf eine fast unpolitische Position zurückgezogen: im Äußersten auch das Äußerste zu tun. Vor den Republikanern in New York reichte also das diffuse Versprechen, die Zukunft mit derselben Entschlossenheit wie die vergangenen Jahre anzugehen. Seine Vision ist seine Haltung.

Von Kerry war zu hören, dass er den Respekt der Welt wiedergewinnen will. Doch selbst wenn er im kommenden Jahr als Präsident antreten darf, könnte Bushs Vermächtnis jede eigene Agenda überschatten. Das große Rad, das Bush zu drehen begonnen hat, wird Kerry auch durch einen entschlossenen Griff in die Speichen nicht zum Halten bringen können.

Durch seinen kaum brillant zu nennenden Auftritt wird Bush seinen Vorsprung gegenüber Kerry verteidigt haben. Abgehängt hat er ihn nicht. Bush muss also weiter darum kämpfen, nicht wie sein Vater nach einer Amtsperiode abgewählt zu werden. Der hatte ohne Frage aber einen stärkeren Gegner.

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