Meinung : Seinem Schatten entflieht man nicht

Die Zwangsarbeiterentschädigung ist abgeschlossen – das Thema NS-Zeit nicht

Als das für Deutschland beschämende Thema auftauchte, also ein halbes Jahrhundert nach dem Untergang der NS-Diktatur, entsetzten die geradezu reflexhaften Bösartigkeiten, mit denen manche Betroffene reagierten. 1998 war in den USA die erste Sammelklage gegen ein deutsches Unternehmen wegen der Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg eingereicht worden. Ford habe über seine deutschen Tochterunternehmen von der Ausbeutung der aus ganz Europa nach Deutschland Verschleppten profitiert, so der Vorwurf. Weitere Klagen galten Daimler-Benz, Volkswagen, BMW.

Und die Antwort, hinter vorgehaltener Hand, nicht von den beklagten Unternehmen, aber durchaus aus der Wirtschaft, lautete: Kriegen „die“ denn nie genug? Aber es waren nicht „die“, womit jüdische Überlebende des Holocaust gemeint waren, sondern Millionen von Russen, Ukrainern, Polen, die für die jahrelange Quälerei in deutschen Firmen nie einen Pfennig erhalten hatten. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks konnten sie erstmals persönlich ihre Ansprüche artikulieren.

Gerhard Schröder kündigte 1998, noch als Kanzlerkandidat, an, eine von ihm geführte Regierung würde einen Entschädigungsfonds einrichten. Otto Graf Lambsdorff, der FDP-Ehrenvorsitzende, stellte seine hohe internationale Reputation in den Dienst dieser Aufgabe, die zu lösen nicht nur er als Ehrenschuld der Bundesrepublik ansah. Aufseiten der Industrie war es vor allem der damalige Daimler-Finanzvorstand Manfred Gentz, der die deutsche Industrie an ihre Verpflichtung erinnerte – eine Verpflichtung, die nicht von allen ernst genommen wurde.

Die Finanzierung des auf 10 Milliarden DM angelegten Fonds zur Befriedung der Zwangsarbeiteransprüche sollte je zur Hälfte vom Bund und der deutschen Industrie garantiert werden. Erst die Sorge, in den USA permanent mit neuen Klagen überzogen zu werden, führte zu weiteren Einzahlungen. Ein dramatischer Appell des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau an deutsche Unternehmen hatte nur mittelbaren Erfolg. Firmen von Weltrang, die den Fonds begründet hatten, schlossen die Deckungslücke durch eine erhebliche Nachzahlung. Zu denen, die sich lange nicht in der Pflicht sahen, gehörten die Nachfahren von Friedrich Flick. Erst 2005 machte sein Enkel Friedrich Christian eine private Fünf-Millionen-Euro-Spende an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.

Deren Hauptaufgabe ist nun beendet, bei einem Festakt im Schloss Bellevue wird heute zurückgeblickt. Die Stiftung hat an 1,7 Millionen Zwangsarbeiter 4,4 Milliarden Euro ausgezahlt. Ihr Zukunftsfonds wird auch künftig Versöhnungsprojekte in Osteuropa fördern und durch seine Tätigkeit mahnen, dass man seinen Schatten nicht entfliehen kann, gerade dann nicht, wenn sie einem lästig werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar